Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 105)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827072--0334-2827434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einzelheiten 315 haft jüdifchen Lebensführung die Tat nur zögernd und von immer neuen Hemmniflen aufgehalten folgt. Man wird auch fagen müflen, daß aus diefer Er* kenntnis allzu früh ein tönendes Be* kenntnis geworden ift, das ehrlich und überzeugend erft nach der Tat wirken könnte. Ja, es gibt einen Standpunkt der Unbedingtheit, von dem aus gegen alles, was jetzt in unfern Reihen gefchieht, der Vorwurf des Phrafenrauches und der Tatenferne, des Übereifers im Auf- Hellen von Programmen und der Läfligkeit in ihrer Durchführung zu erheben ift. Vorwürfe diefer Art aber treffen nicht nur das K. J. V., fie treffen die gefamte nationaljüdifche Jugend des Westens. Und es bleibt zu wünfdben, daß fie immer wieder erhoben werden, damit wir immer wieder die Diftanz zwifchen Gewolltem und Erreichtem fchiaudernd ermeflen und zu verringern bemüht find. Aber es ericheint uns oberflächlich/ die Größe diefer Diftanz nach den äußeren Formen einer Gemeinfchaft bewerten zu wollen. Man kann ihrer tatfächlich nur gewahr werden, wenn man dem Leben der einzelnen nach-' geht und hier fieht, wieviel etwa .von der Notwendigkeit einer Verfenkung in das jüdifche Schrifttum geredet und wie wenig getan wird, wie Paläftlna täglich zur Debatte fteht, ohne daß auch die Kraft zur beruflichen Umftellung aufgebracht wird. Und man mag, wenn man das sieht, auf die Gemeinfchaft zurückfchließen, von der die einzelnen kommen, und den Geift diefer Ge~ meinfchaft für ihr .Leben verantwortlich machen. Das K. J. V. hat diefen Rückschluß nicht zu fürchten. Es muß allerdings auch für fich die Einwände anerkennen, die gegen unfere gefamte Bewegung zu machen find, aber innerhalb diefer Einfchränkung eher in geringerem als in höherem Maße. Das K. J. V. bezw, feine Stamm verbände haben zuerst in Deutfchland unfere Idee vertreten. Und alles, was nachher an neuen Verbänden entstanden ift, verdankt K. J. V.* ern feine Entftehung und größtenteils auch feine gegenwärtige Exiftenz. Die fportUchen Verbände und die Wanderbünde find der Arbeit von K. J. Vern zu danken. So fehr ift das K. J. V. der Kern, um den herum ftch alles zioniftifche Leben in Deutichland gruppiert, daß alle feine Abarten mehr oder weniger als Ausftrahlungen jenes Geiftes zu betrachten find, denen Entwicklung durch die Erziehungsmethoden des K. J. V. nicht gehindert, fondern durch fie überhaupt erft ermöglicht wurde. Gewiß konnte es nicht ausbleiben, daß alle jene jüngeren Verbände in ihren äußeren Formen von denen des K. J. V. abwichen und teilweife über fie hinauswuchfen. Sie mußten damit auf den Mutterverband zurückwirken und feine bisherigen Formen immer mehr in Frage ftellen. In dem Auffatz über das K. J. V-, den dies Heft enthält, ift bereits ausgefprochen, daß wir uns in diefem Punkt heute in einem Übergangsftadium befinden,- daß wir in dem Maße, wie die nach innen gerichtete jüdifche Arbeit bei uns immer wefentlicher wird, unfere Gemeinfchaftsformen zum großen Teil als unangemeffen und widerfpruchsvoll zu empfinden beginnen. Wir liehen vor der leichten Aufgabe des Abbaus der deutfch^ftudentifthen Formen, die wir zu einer Zeit übernahmen, als es noch kein anderes Vorbild gab, und der ungleich fchwierigeren, neue an ihre Stelle' zu fetzen. Aber das ift eine interne und nicht gerade .übermäßig wichtige Angelegenheit des K. J. V., die mit feinem Geifte garnichts zu tun hat. Man hüte fich doch vor dem Irrwahn, es lafle der Geift /Ich durch Formen erzeugen. Man mag es gefchmaddos finden, wenn Menfchen, die zufammen Hebräifch oder jüdifche Gefchichte treiben, fich in Füxe, Burfcheri und Alte Herren fcheiden. Aber das ift eine mehr aefthetifche Angelegenheit, und man darf zweifeln, ob die Arbeit inten Ii ver werden wird, wenn man fich ftatt deflen Helfer, Meifter, Führer oder auch garnicht tituliert Manchem mag auch die Kneipe als befonders widerwärtig erfcheinen, aber er darf fich durch dies perfönliche Empfinden nicht dazu verleiten lallen, in ihr mehr als in irgendeiner der anderen von der nationaljüdilchen Jugend übernommenen Formen — und eigene haben wir überhaupt nicht — ein Produkt der Affimilatio» zu fehen. Bleibt die Frage der Satisfaktion. Wir lehnen es hier von vornherein ab, fie auf Grund einer von Achad Haam oder fonft jemand konftruierten nationalen Ethik zu betrachten.