Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
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310 Berichte : Amerika. *und das Reifeerzeugnis erwirbt Jetzt ift er an der Schwelle der Univerfität, doch ihr Befuch ift mit neuen Schwierigkeiten verknüpft: Die Kollegiengelder find hoch und überdies fehlen ihm . ja die Mittel, um während der Studienzeit das Leben zu friften. Man hilft fich hier auf zwei Arten: entweder indem man das frühere Leben fortfetzt: am Tage Univerfitätsbefuch und abends Fabrikarbeit, oder man arbeitet ein bis zwei Jahreganz intenfiv in der Fabrik, um fich eine Geld* Jumme zu erfparen, die das forgenfreie Studium für einige Zeit ermöglicht. Geht das Geld aus, fo wird das Studium unterbrochen und die Fabrikarbeit wieder aufgenommen und fo fort. Aus diefem Grunde ift das mittlere Alter des eingewanderten Studenten .24—27 Jahre. Der Lefer darf es deshalb nicht als verwunderlich erachten, daß der jüdifche Student in Europa feinem amerikanifchen Kollegen geiftig weit über* legen ift. Zwar ift hier der Einfluß der gefamten amerikanifchen Umgebung im allgemeinen und der der amerikanifchen Studentenfchaft im befonderen fehr ftark maßgebend, darüber hinaus darf aber nicht überfehen werden, daß die Eingewan* derten keine Möglichkeit zur geiftigen Vervollkommnung finden und fehr erhebliche Hindernifle und Schwierigkeiten zu überwinden haben. Ferner haben fie ja über ihren Schulbüchern in einem Alter fitzen müfien, in welchem andere bereits im fünften oder fechften Semeiter ihres Univerfitätsftudiums find. So ift die föziale Schichtung des Gros der jüdifchen Studentenfchaft in Amerika. Und wie die materielle Lage der beiden Gruppen von einander völlig verfchieden ift, fo auch die gefamte Struktur. Die in Amerika geborenen oder aufgewachfenen Studenten fühlen fich an der Univerfität wie zuhaufe, beteiligen fich am akademifchen Vereinsleben,, an allen ftudentifchen Angelegenheiten und Spielen. Man kann jedoch nicht behaupten, daß die alten Vorurteile gegen das Jüdifche völlig verfchwunden feien. Antifemitifche Zufammenftöße kommen vor, find aber zu feiten um das allgemeine Zulammen* leben zu trüben. Meift fehen die Uramerikaner den Juden als vollwertigen Kollegen an und zeigen fich ihm gegenüber kollegial und freundfchaftlich. Welches find die allen gemeinfamen Angelegenheiten? Vor allem der Sport! Nicht der vornehme fchöne Sport der Engländer und Skandinavier, fondern der rohe Sport der amerikanifchen GalTe. Der Held des Boxkampfes, des Fuß* ballfpiels ift auch,der Held der amerikanifchen Straße, PrelTe, des Volkes. Auch der amerikanische Student ift ein Produkt der Straße, und was der Menge lieb und verehrungswürdig erfcheint, das* ift auch ihm teuer. Schreiber diefer Zeilen hatte Gelegenheit zu beobachten, wie Studenten, die fich im Sport hervorgetan haben, von der Univerfität mit den ehrendften Aus* Zeichnungen gefchmückt wurden. Die akademifche PrelTe widmete'ihnen Sonder* nummern und die Univerfitätsrektoren bedachten fie mit Medaillen und Ehren* zeichen von .Amts wegen. So weit geht der Stolz auf diefe fportgewaltigen Studenten, daß fie als Reklame benutzt werden. Mehr als einmal wurde mir auf meine Frage, ob eine Univerfität bedeutend fei, geantwortet: »Jawohl, der Sport wird dort befonders gepflegt, mehr als 10 Studierende haben in diefem Jahr bei den fportlichen Wettkämpfen den Sieg davongetragen.« Die jüdifchen Studenten, die allem Jüdifchen entfremdet, an dem Leben ihrer amerikanifchen Kommilitonen teilnehmen, zeichnen fich gerade auf diefem Gebiete aus, das den amerikanifchen Akademikern fo befonders am Herzen liegt. Im Laufe der letzten Jahre hat es eine große Anzahl von jüdifchen Studenten gegeben, die Sieger bei fportlichen Wettkämpfen gewefen find. Es liegt auf der Hand, daß unter folchen Verhältniflen bei den jüdifchen Studenten fich diefelbe geiftige Einftellung herausbildet, wie bei den Anderen: fie verhalten fich gleichgültig zu allem idealen Streben, zu allen höheren geiftigen Angelegenheiten. *> In Rußland waren jüdifchen jungen Leuten durch die Ausnahmegefetze die höheren Schulen verfchloflen ,• wollten diefe fich die Qualifikation zum aka* demtfchen Studium erwerben, fo mußten fie fich als Extraneer den Examen unter* ziehen. Den ßetigen Schikanen der durchweg antifemitifchen Lehrerfchaft ausgefetzt, waren fie gezwungen, einen ungeheuren Wiflensftoff zu bewältigen, um die Examen beliehen zu können. <Anm. des Überf.)