Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 99)
- Language
- German
- Belongs to
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Berichte: Amerika 309 Weltliteratur und von ihren Strömungen in der heutigen Zeit/ Ihr wißt nicht wie und mit welchen Mitteln fremde Völker für ihre Zukunft forgen,- Ihr habt Euch nie bemüht, die Struktur der Gefellfchaft zu prüfen, in deren Mitte Ihr lebt, Ihr feid ganz unberührt von allen komplizierten Weltproblemen, Euch fehlt jede nähere Kenntnis der Welt, kurz alles Geiltige ift Euch fremd U Eine fcharfe aber gerechte Anklage gegen die künftigen Rechtsanwälte, Ärzte,. Ingenieure. In diefer Umgebung leben auch die jüdifchen Studenten Amerikas. Im vergangenen Jahr hat die Studentenvereinigung »Menorah« ftatiftifches Material über die Anzahl der jüdifchen Studenten an den amerikanifchen Univerfitäten gefammelt. Diefe Zahlen find lediglich als ungefähre Schätzungszahlen zu bewerten. Sie find? ungenügend, da von den in den nordamerikanifchen Staaten vorhandenen, etwa 500 Hochfchulen lediglich die 75 bedeutenden von der gefamten Statiftik. des Vereins erfaßt werden.. Aber auch an diefen konnte die genaue Zahl, der jüdifchen Studenten deshalb nicht feftgeftellt werden, weil viele von ihnen ihre jüdifche Abkunft verbergen. In einigen Fällen haben die Univerfitäts-Sekretariate ausdrücklich dies als Auskunft erteilt ,• hier mußten die Zählenden in ihren Erhebungen den jüdifchen Klang der tarnen verfolgen. Aus dem. gefamten Material ergab fich, daß im-Lehrjahre 1915/16 an jenen 75 Univerfitäten 144353 Studenten gehört haben, darunter 9749 Juden. Von den 2 Millionen, jüdifchen Seelen in den Vereinigten Staaten entfandten je 10 000 ca. 48 Hörer an die Hochfchulen, während von der allgemeinen Bevölkerung nur 19 auf 10 000die Hochfchulen besuchten. Beachtet man diefe Zahl wie auch die Tatfäche, daßdie amerikanifchen Hochfchulen zur Aufnahme recht bedeutende Anforderungen, Itellen, fo muß man die erwähnten Zahlen als recht bedeutfam anerkennen. Aus welchen Kreifen Itammen die rund 10000 Studenten? Es find zwei Gruppen, zu untev(<heiden: die eine umfaßt alle, die in Amerika geboren find oder den größten Teil ihrer Kindheit in Amerika verbracht haben, fodaß fie fich den amerikanifchen Verhältniffen bereits haben anpalTen können. Diefe find meift Kinder wohlhabender Eltern, welche em Vermögen erworben haben, und ihren Kindern/ eine geficherte Zukunft zu verfchaffen wünfchen. Demgegenüber die Gruppe der Emigranten, welche erwachfen oder halberwachfen in das Land kamen und fich erlt feit einigen Jahren im Lande aufhalten. * Der eingewanderte Student nähert fich in feiner Art und feiner Getftesrichtung dem Typ des jüdifchen Extraneers in Rußland, ohne ihm jedoch völlig zu gleichen. Betrachtet man diefe eingewanderten Studenten, fo ift als bezeichnend feftV zuftellen, daß nur wenige von ihnen bereits in ihrem Heimatland eine höhere Bildung genolTen haben oder fonft geiftigen Berufen nachgegangen waren. Eine typifche Biographie eines folchen eingewanderten Studenten wäre etwa folgende: In Europa war er meift Arbeiter, der nur eine elementare Bildung ge noffen hatte. In Amerika hält er fich etwa 2—7 Jahre auf <es find hier die durch^ fchnittlichen tatfächlichen Zahlen zu Grunde gelegt). In den erften beiden Jahren feines Aufenthalts in Amerika war er in Fabriken tätig und hatte wie alle »Grünen«, .die mit den örtlichen Verhältniflen unbekannt find, viel zu leiden. Abends nach Beendigung der Tagesarbeit befuchte er die Abendkurfe für Erwachfene und lernte dort Lefen und Schreiben. Nach 2—3 Jahren ging er in die Vorbereitungskurfe, um die für die Reifeprüfung erforderlichen KenntnilTe zu erwerben. Diefe zu abfolvieren, macht jedem, der tagsüber beruflich befchäfttg ift, große Schwierigkeiten,« ftarker Wille und eiferne Energie find erforderlich, umt endlich das erfehnte Zeugnis zu erwerben. Den ganzen Tag über muß der- Schüler in der Fabrik — es find amerikanifche Fabriken! — fchwerlte Arbeit leiften/ aus der Fabrik geht es im Eilfehritt heim oder in das billige Gattnaus, um eine Kleinigkeit zu elTen, und dann zum Abendkurfus. Hier bleibt er von 8 bis Vol2, und wenn er jetzt heimkommt, muß er noch bis fpät in die Nacht hinein feine häuslichen Schularbeiten erledigen, mitunter noch befonders früh des Morgens aufitehen, um das Penfum wiederholen zu können. So arbeitet er täg~ lieh 3—4 Jahre oder noch länger, bis er fich fchließlich der Prüfung unterzieht