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Der jüdische Wille · 1918-10-01 · Heft 4-5 (Oktober 1918) · page 97

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 4-5 (Oktober 1918)
Date
1918-10-01
Page
– (sequence 97)
Language
German
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Berichte: Bulgarien 307 nur mit Gewalt ausüben könnten, Und ich wurde durch die Tür rausgefchmiflen. Aber ich kam durch das Fenfter wieder herein«. Es liegt hierin ein Zug des -Willens: und der Hingegebenheit an die Sache, die Herzls Erklärung, daß er die Zioniften Bulgariens liebe und fchätze, begreiflich macht. Kann dieler Genius des Willens und der Arbeit jemanden lieben und fchätzen, wenn er nicht eigene Tugenden bei ihm findet? Das Leben des bulgarifchen Judentums würde ganz eigenartige Evolutionen durchmachen, wenn nicht der Zionismus da wäre, ihm den natürlichen Weg zu zeigen. Zwilchen extremftem Obfkurantismus und ungebundenfter Freiheit ftand es ohne leitende Ideen und Führer! Und wie der Sturm alles nicht Fe/tftehende wegfegt, fo könnte das bulgarifche Judentum fein Antlitz verlieren- und lieh zer~ fetzen. Der Zionismus aber fpritzte Sinn und Energie in die Adern des bulga* rifchen Judentums! Und, vielleicht, weil es am Scheidewege der Entwicklung Itand, haben die bulgarifchen Juden den Zionismus fchon von Anfang gut verbanden. Der Kampf für die nationale Wiedergeburt ift nach allen Richtungen angefangen worden. Die Führer des zioniftifchen Gedankens waren alle junge Leute mit revolutionären Gefühlen. Und die Bewegung hatte reinen Jugend* Charakter <ungeachtet der Tatfache, daß alle Wertvollen zioniftifch gefinnt und tätig waren.) Und wäre die ganze Tätigkeit nicht fo ftürmifch gewefen, hätten die Jungen in ihren Manifeftationen fich referviert gehalten, wäre die Entwicklung des Zionismus eine ganz andere geworden. Es ift charakteriftifch, daß, während man in anderen Ländern über politifchen und praktischen Zionismus, über Gegenwartsarbeit im Golus und praktifche Arbeit in Paläftina, über körperliche und geiftige Regeneration der Juden ftritt, in den bulgarifchen zioniftifchen Kreifen fich all dies mit natürlicher Verftändlichkeit und Konfequenz vereinte. Das, was Max Brod, die dritte Phafe des .Zionismus nennt, brauchte man in Bulgarien nicht theoretifch zu erklären und zu verliehen, da es Selbftverftändlichkeit war und die Praxis beherrfchte. Der Zionismus ift das Leben des jüdifchen Volkes und muß deshalb alle feine Gebiete umfallen, um Tie in ihrer Reinheit zu geltalten und zu verwirklichen. Dies Moment muß befonders hervor^ gehoben werden, denn fonft bleibt der bulgarifche Zionismus unverftändlich. Wenn der Gedanke wahr ift, daß je einfacher und reiner die Seelen find, defto leichter die großen Wahrheiten fich offenbaren, wird verftändlich, warum die Zioniften Bulgariens fchon am erften Tag verbanden haben, was erft jetzt, nach zwanzig^ jähriger Entwicklung, unfere Gefinnungsgenolfen in anderen Ländern verbandenhaben. Es ift eine Frage, inwieweit das Erkannte feine Durchführung gefunden hat. Aber eins ift klar, daß die bulgarifchen Zioniften einen Kampf eingingen, der ihren Kräften nicht entfprach : nämlich das ganze materielle und geiftige Leben in der Diafpora zu zionifieren und für die Überfiedlung *nach Paläftina vorzubereiten.* Alle waren von dem großen Gedanken durchdrungen, daß wir bald den Charter erhalten würden, und daß man deshalb fchnell und intenfiv arbeiten müfle. Junge Idealiften wollen ja nicht viel von Möglichkeiten wifTen. Und trotz^ dem wäre es irrtümlich zu fagen, fie hätten nicht gewußt, daß der Zionismus ein hiftorifcher Prozeß ift. Dafür fpricht ihr Kampf für die Nationalifierung der Schulen und für die Eroberung der Gemeinden. Aber auch fie waren von dem heiligen Optimismus Herzls erfüllt In der praktischen Arbeit jedoch blieb der Himmel nicht ungetrübt. Das bulgarifche Judentum ift ein Häuflein, die Zioniften find ein noch kleineres. Die »klugen alten Männer« fpotteten über den Zionismus: »Karl Herbft fei mit den Kindlein und die zioniftifche Organifation beftände aus »tollen Köpfen«. Und auch die Jugend felbft blieb nicht immer jung genug, um fich völlig dem Ideal zir widmen. Die eigene Lebensnot läßt die Beftrebungen der glühenden Jugend mehr oder weniger in den Hintergrund treten. Man unterließ es, für die Schaffung finanzieller Kraft und die Gründung einer feftgefügten Organifation zu forgen. Und grade die feurige Beweglichkeit der Jugend veranlaßte diefen Umftand. Wenn etwas zu tun war, dann ließ man eben feine eigenen privaten Arbeiten liegen. Wenn das Geld nicht reichte, dann öffnete man feinen Beutel. Das Budget des Landes-Komitees betrug z. B. um diefe Zeit für zwei Jahre nicht mehr als .

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