Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827072--0325-2827425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
306 Berichte: Bulgarien fache »Jefchiba«. Zwei Faktoren machen (ich bemerkbar bei der Umwandlung «ler Lebensweife und -begriffe : der erfte ift die fchon erwähnte Entwicklung des angehenden bulgarifchen Volkes,' und der zweite ift die Alliance Israelite Uni^ verfeile mit ihren Schulen. Als Muftration des fozialen Lebens um diefe Zeit gebe ich am beften die Erzählung eines zioniftifchen Führers wieder : »In der Gemeinde herrfchten Givirim, <lie nicht wußten, was fie tun und was fie Iaflen follten. Sie trotteten auf dem Weg, den die Generationen vor ihnen gebahnt hatten. Ihre ganze Tätigkeit beftand in der Entfcheidung primitivfter und dümmfter Fragen. Es war mir fchwer zu Mute davon. Ich war 21^22 Jahre alt. Gefagt — getan! Eines Tages .gingen wir, einige- Freunde und ich, ins Gemeindehaus, fchmiflen die Givirim heraus und wurden Herrfcher, der Gemeinde.......« Solche Umwälzungen in der Gefchichte der jüdifchen Gemeinden Bulgariens find nicht feiten. Junge Idealilten, ohne klar zu willen, was fie wollen, machen eigenartige »Revolution«. 4 Die Alliance hat viel Nutzen für die geiftige und materielle Hebung der bulgarifchen Juden gebracht. Man kann ihr die Anerkennung für ihre Tätigkeit in diefer Zeit des Obskurantismus und Fanatismus nicht verfagen. Aber gleichzeitig muß man den alten Vorwurf unterftreichen: Die Alliance berückfichtigte die elementare Wahrheit nicht, daß die Zeiten fich ändern und daß auch die Syfteme fich ändern müflen, wenn fie nicht zurückbleiben und von anderen neuen erfetzt werden wollen. Nach der Methode der Bildung und Erziehung in den neunziger Jahren des* vorigen Jahrhunderts wandte fie die Jungen von allem Heiligen im Judentum ab und unterdrückte in den jungen Herzen das Gefühl der Hingezogenheit und Pflicht gegen ihr eigenes Volk. Ihre Schüler, welche ihre Bildung in den Staatsfchulen fortfetzten <was fehr erfchwert war und nur wenigen zuteil wurde), fahen wie unzulänglich die in den AlÜancefchulen erhaltene Bildung für fie als Juden wie als Bulgaren war und wurden die erften Gegner ihrer Methode in Bulgarien. Und fo ift der Kampf für die Nationalifierung der jüdifchen Schulen und ihre Gleichftellung mit den Staatsfchulen auf Grund der Verhältnifle im Lande felbft angefangen worden. Diefer Kampf war ein Kampf der Jugend : leidenfchaftlich und hitzig. Um diefe Zeit ift der Zionismus entftanden und unter feiner Fahne ift der Kampf geführt worden : Auch die Alliance wurde »rausgefchmilTen«. Aber die jüdifche Schule konnte fich auch nach der Lostrennung von diefem Hindernis einer friedlichen Entwicklung nicht erfreuen, weil fie neue Gegner hatte, mit welchen die ganze Generation bis zum Ausbruche des Weltkrieges den Kampf fortgefetzt hat. Neben dem Kampf um die Schule handelte -es fich um die Eroberung der Gemeinden. Diefe zwei Punkte bilden im wefentlichen die Gegenwartsarbeit. Der national-jüdifche Charakter bildete fich und ftählte fich in diefem Kampf, beeinflußt auch von den frifchen Eindrücken des heroifchen Kampfes* der Bulgaren für ihre Freiheit: man hörte noch die Lieder der Revolutionäre und in der Luft lag noch ein Geruch von vergolfenem Blut. Nichts zieht die jungen reinen Seelen mehr an, als der Wille zur Freiheit und der Kampf für fie. Es genügt ein Ruf, um die Grundlage des Lebens zu erfchüttern. Und diefen Ruf fprach zuerft in Bulgarien der feurige Jofeph Marko Baruch aus, welcher Zion mit Waffen befreien wollte,- erft nach ihm kam als zweiter Aufruf Herzls »Judenftaat«. Nationalz vereine im Geilte der »Bne-Mofche« in Rußland, wenn* auch nicht mit fo ftarker Bewußtheit, da hier Linienblums und Achad Haams nicht waren, konnte man fehr häufig finden. Es ift bekannt, daß unter den erften Anhängern Herzls fchon in den erften Tagen bulgarifche Juden waren. Die Namen Karl Herbft, Dr. Efchna Caleff, Jacob Caleff, Prefiado Romano, Bochor Ofaria, Dr. Marino Romano, neben diefen Prof. Belkowski, Dr. Bierer, Faimberg, Dr. Rimalowski ufw. ufw. wird man nie vergeflen! Diefe Anfänge des Zionismus waren fchöne heroifche Zeiten. Ich werde nie vergeflen, was mir Karl Herbft und Dr. Efchna Caleff davon erzählt haben! Ihre Worte beherrfchten mich mit unauslöschlicher Kraft. Und ich erwähne hier, was z. B. Dr. Caleff mir unter anderem erzählte: »Es war am Anfang der Arbeit und wir hatten uns in einer Sitzung gezankt. Es wurde befchloflen, mich von der Sitzung auszufchließen. Ich erklärte darauf, daß fie diefen Befchluß