Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 83% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827072--0324-2827424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Berichte: Rumänien, Bulgarien 305 mit Stolz und Würde das, was ihnen zukam, und kämpften gegen die Aflimi* lation als Kaufpreis für die verlangte Gleichberechtigung. Da Rumänien kein Nationalitätenftaat ift, und da die Juden keine politifche Rechte hatten, konnte keine nationale Bewegung zur Erzielung einer Autonomie entftehen. So ftand es mit der jüdilchen Jugendbewegung am Anfang des europäischen. Krieges. Einerfeits Studenten.^ und Gymnafiaftenorganifationen, zioniftifche Jugend^ gruppen, nationaUjüdifche Publikationen, andrerfeits die Gründung von jüdifchen Turn^ und Sportvereinen, zioniftifchen Mädchengruppen, Zeire^Ziongruppen, der Anfang von Poale^Zionvereinen ufw. Diefe vielverfprechenden Anfänge wurden jählings unterbrochen, als der Krieg Rumänien in den Abgrund ftürzte. Alles ftockte auf einmal, der Kriegsfchauplatz entwickelte fich im Lande, die Jugend wurde faft getarnt unter die Fahnen gerufen. Die Mißerfolge und der Rückzug der Armee fowie der ftark wütende Antifemitismus machte jedwede Bewegung unmöglich. Das dauerte länger als ein Jahr. Erft im letzten Winter als die Friedensverhandlungen begannen und die Verhäftnifle im Lande fich zu klären anfingen, regte fich das jüdifche Leben wieder. Zunächft fchüchtern und befcheiden. In Bukareft haben die Vereine angefangen, ihre Sitzungen abzuhalten. Fokfchani war ein Zentrum und Treffpunkt der Zio^ niften der Zentralländern geworden. In Galatz und Jafly fanden zioniftifche Be* fprechungen ftatt. Die »Hatikwah« foll wieder erfcheinen, fobald die technifchen Schwierigkeiten es zulaflen. Die früher von der Welt abgefchloflene Judenheit der Moldau, die foviel zu leiden hatte, nimmt ihre Beziehungen mit dem Ausland wieder auf. Auch ausländifche jüdifche Zeitungen kommen wieder, 'und damit beginnt auch die Fühlungnahme mit der allgemeinen Judenheit. Durch die Angliederung Beflarabiens an Rumänien werden zirka 300000 Juden dem rümänifchen Staat zugeführt. Diefe Juden ftehen auf einer bedeutend höheren jüdifch^kulturellen Stufe und werden hoffentlich eine ftarke Stütze für das jüdifche Leben in Rumänien fein. Auch die zum Teil fchon durch die gefetzgebenden Körperfchaften angenommen Gefetze in der Judenfrage 1 äffen erhoffen, daß die allgemeine Lage der Juden in Rumänien fich beflern wird. Allerdings* fteht ficher auch hier ein heißer Kampf mit den Affimilanten bevor, auf den die nationaljüdifch gefinnten Kreife fich rüften müflen. Und doch dies alles: die Gleichberechtigung, der Zuwachs an konfequenten und energifchen Elementen, der ausfichtsreiche Fortfehritt der Bewegung vor dem Krieg, der auf einen günftigen Bodens fchließen läßt, andrerfeits das wachfende Paläftinainterefle und die immer ftätkere Verbreitung des jüdifch^nationalen Gedankens gibt uns die Berechtigung an eine baldige kräftige jüdifch-nationale Jugendbewegung in Rumänien zu glauben. Möge die Zukunft unfere Hoffnungen erfüllen- Erfurt Dipf, Jng. Efias Schein BULGARIEN Das bulgarifche Judentum ift ein Zweig des fephardifchen Baumes, der auchihm die Lebensfäfte zuführen follte. Aber fein Schickfal war umgekehrt: es hat fich aus dem Zweige ein neuer Baum herausgebildet, der nun feinerfeits den alten Stamm ernähren mußte. Gleichzeitig mit der Befreiung Bulgariens von dem osmanifchen Reiche wurde auch das Judentum, das. diefes Land bewohnte eine befondere Gefamtheit, ' welche für ihre Bedürfnifle und ihre Zukunft Sorge tragen mußte. Der fchnellen Entwicklung des jungen freien bulgarifchen Volkes entfprach die Evolution des Judentums im Lande. Das materielle und geiftige Leben der Sephardim vor den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts untere fcheidet fich nicht viel von dem der breiten Volksmaflen des öftlichen Judentums t diefelben kleinen »Menfchelach« mit den kleinen »Gedankelach«, diefelbe Ge* meinde^Organifation, faft derfelbe »Cheder«, »Meldar« genannt, und dkklbt ein*