Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1918-10-01 · Heft 4-5 (Oktober 1918) · page 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 4-5 (Oktober 1918)
Date
1918-10-01
Page
– (sequence 92)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/2827066-2827067-2827072--0321-2827421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

302 Berichte: Rumänien Jahren eine viel größere Anzahl pflichtbewußter Jungjuden (teilen als bisher. Inv. Interefle des Judentums und im Interefle der Jugend wäre dies fehr zu wünfchen,-— Ben, Nathan RUMÄNIEN Es wurde einmal gefagt, daß jedes Land die Juden hat, die es verdient. Nie paßte dies Wort befler als für die rumänifchen Juden. Diefe haben fowohl die guten als die fchlechten Eigenlchaften der Rumänen : die natürliche Fähigkeit, m't offenen Augen in die Welt zu Ichauen, gemilcht mit einer ziemlich großen Quantität von oberflächlicher Weltbetrachtung/ ausgefprochen politifierenden Geilt, bereit zu widerfprechen, aber ebenfo bereit, fich mit den Ereigniflen des Tages abzufinden. In mancher Beziehung find Tie den Rumänen erheblich überlegen. Ich weife nur auf den Umltand hin, daß beiden Juden falt kein Analphabet männlichen Gelchlechts zu finden ilt, während bei den Rumänen der Prozentsatz derfelben bis auf 75 vom Hundert fteigt. Im übrigen erklärt fich das kulturelle Niveau der Juden aus den fozialen Verhältniflen und ihrer hiftorifchen Entwick* Jung.- Die vorletzte Generation der rumänifchen Juden beberrfcht noch nicht die rumänifche Kultur, kennt aber zum größten Teil auch die jüdifche Kultur nicht. Nur in der Moldau befindet fish eine größere Anzahl, die noch in der alten jüdifchen Kultur lebt. Die meiften find eingewanderte gaiizifche, polnifche oder ruflilche Juden. Hier findet man Chedarim und fogar Talmud^Thoras, worin auch die jüngere Generation hebräifch gelehrt wird. Die neueren Beftrebungen der Judenheit in Ofteuropa in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben auch die rumänifche Judenheit beeinflußt und zur Arbeit angeregt. Schon in den achtziger Jahren beteiligen fich mit Begeiferung rumänifche Juden bei der Gründung der erlten Kolonien in Palältina. Die Chowewe^Zion^Bewegung gewann viele Freunde und bei der Kattowitzer Kon* ferenz Ichickten fie ihren würdigen Vertreter. Im Jahre 1896 97 gewann Theodor Herzl die rumänifche Chowewe-Zion^Organisation für feine Idee. Ins Rumänifche wurden damals die Pinskerfche Brofchüre, Herzls und Nordaus zioniftifche Schriften übertragen, die Herausgabe einer Bearbeitung von Graetz war geplant usw. Die Ausbreitung der zioniltifchen Bewegung ging freilich langfam vor fich. Das rumänifche Judentum ftand der allgemeinen Kultur ziemlich fern und erft recht der jüdifchen Kultur. Auch der größte Teil der Intelligenz verhielt fich in^ dtfferent. ' Wie in allen Ländern, beteiligte fich auch in Rumänien vornehmlich die Jugend an der zioniltifchen Arbeit. Von einer ausgefprochen nationaljüdifchen Jugendbewegung freilich, getrennt von der der zioniftifchen Bewegung, kann kaum die Rede fein. Die organilierte Jugend war in den zioniltifchen Ortsgruppen. tätig. Die Akademiker bildeten nicht wie in Öfterreich befondere Vereine, viel-* mehr beteiligten fich die jungen Studenten an der lokalen Arbeit, bei den Orts^ gruppen und in den Lefehallen. Sie hielten Volksverfammlungen ab und gingen auch in die Synagogen, um die Gemeinden durch zwanglofe Anfprachen für die Bewegung zu gewinnen. In Anlehnung an diefe Studenten, zum Teil auch felbftändig, fingen am An^ fang des vorigen Jahrzehnts, um 1902, die erlten Gymnafiaftenorganifationen an. Das waren kleine Vereine, die zur Betonung ihres intimen und abgefchloflenen Charakters Zirkel genannt wurden. Falt in allen Städten, wo ein Gymnafium existierte und einige Juden lebten, entftanden folche Gruppen. Man hielt Vorträge, man kefchäftigte fich ernft mit jüdifcher Gefchichte und Literatur, zioniftifchen: Fragen, Paläftinakunde und manchmal mit Problemen allgemeiner Natur. Kleine jüdilche Bibliotheken wurden angefchaftt mit Büchern und Bildern jüdifchen Inhalts. Aber alles war geheim, denn vom Gymnafium aus waren folche SchülerorganU

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.