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Der jüdische Wille · 1918-10-01 · Heft 4-5 (Oktober 1918) · page 90

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 4-5 (Oktober 1918)
Date
1918-10-01
Page
– (sequence 90)
Language
German
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300 Berichte: Galizien mit dem Judentum faft garnichts mehr verbindet, gebildet hat, häufen bis auf dert heutigen Tag dunkle chaffidifche Maflen, ganz wie vor 50 oder 100 Jahren, für die es außer dem Row und dem Beth^Hamidrafch nichts gibt, für die der einzige Vertreter Europas der verlotterte, kleinftädtifche, pofnifche Beamte ift und vielleicht auch der Bauer, mit dem fie tagtäglich feilfchen. Ja, oft find fogar diefe Gegen^ fätze in einer und derfelben Familie vorhanden, fo kralle Gegenfätze, wie man fie fich garnicht ärger denken kann, ohne daß man es, nach außen wenigftens,. bemerkt. Der Vater ift ein frommer Chaffid, von Beruf Händler oder Vermittler,, in feinem Haufe wird aufs ftrengfte rituell gelebt und der Sohn ftudiert im Gymna^ Ii um, lebt ganz in polnifcher und chriftlicher Atmofphäre und fpürt auch meiftens. nichts Unangenehmes dabei, wenn ihn nicht die mangelnde Beherrfchung der Landesfprache oder der Antifemitismus der Mitfchüler und Profeflbren an den Gegenfatz erinnern. Das gefchieht aber nicht oft, da die große Zahl der jüdifchen Schüler, befonders in Oftgalizien, diefe fchmerzlichen Eindrücke ftark mindert und herabfetzt. Es ift augenfcheinlich, daß folche Verhältnifle von einer überaus fchlechte*1 Wirkung auf die Jugend find. Kann fchon einerfeits deswegen von einem inten* fiveren nationalen oder religiöfen Leben zuhaufe inmitten der Familie keine Rede fein, fo ift auch andererfeits diefer flache und finnlofe Kompromiß im täglichen Leben nur allzu geeignet, jeden Hang zu tieferen und edleren Gefühlen zu ver^ nichten und einen Typus des nur für feine Karriere lebenden Menfchen heraus^ zubilden, der leider unter der gälizifchen Jugend noch heute fehr oft, vor zwanzig Jahren faft ausnahmslos, herrfchte. Es wird deshalb nicht erftaunlich klingen, wenn ich behaupte, daß die Nationalisierung der jüdifchen Jugend Galiziens eine mühfelige und aufopferungsvolle Aufgabe war, eine Aufgabe, deren Vorkämpfer vielmehr,, als irgendwo anders, Enttäufchungen erleben mußten. Der Weftjude hat zwar alles Jüdifche verloren, ift oft eigentlich kein Jude mehr, er ift aber meiitenteils ein Menfch im höheren Sinne des Wortes, er liebt die europäifche Kultur, liebt die 'Nation, unter der er lebt,- er ift für das Tiefe und auch für die Begeifterung empfänglich. Einen folchen Menfchen zum Nationaljudentum zu bekehren, kann fchwer fein, ift aber immerhin eine dankbare Aufgabe. Die Grundlage ift vor^ handen, die elementare Kraft ift da, ein richtiger Ruck und der zioniftifche Gedanke flammt auf, ohne wieder zu erlöfchen. Der Oftjude fteht tief im jüdifchen Lebenr er liebt das Judentum ohnehin,- bei ihm geht es nur darum, diefe Liebe-zu aktivieren und ihr die Richtung zu geben. Hier ift die Arbeit garnicht fchwer. Der galizifche Jüngling aber ift weder das eine noch das andere.- Sein jüdifches WilTen ift etwas Totes und Starres, ift, wie man es im hebräifchen fagt: ewen Ich'ejn la hofehin,- er liebt es garnicht und behält es nur aus Gewohnheit.' Die europäifche Kultur, die ihm auf recht mittelalterliche Weife im polnifchen Gymnafium aufgedrückt worden ift, bedeutet für ihn immer nur einen Weg zur Erreichung Jeines Lebensunterhaltes. Der Prozentfatz der jüdifchen Schüler, die fich für einen £i,\veig der Wiflenfchaft intereffieren, ift verfchwindend klein. Selbft die geringe Entfaltung der polnifchen Affimilationsidee unter der gälizifchen Jugend ift nur ein Beweis für ihren Tiefftand. Sie ift nicht dem aktiven, fich empörenden jüdifchen Gefühl, zu verdanken, fondern lediglich der geiftigen Inertie, der Unmöglichkeit, ein tieferes Gefühl, fei es auch das der Liebe zu dem umgebenden Volke zu hegen. Wie niedrig fonft die Schmeichelei dem Polentum gegenüber in den Mittelfchulen ge* trieben wird, aus rein opportuniftifchen Gründen, um nur den Haß von fich abzu^ lenken und vorwärts zu kommen, weiß einzig und allein derjenige zu ermeflenr der als ein denkender Menfch die Hölle eines polnifchen Gymnafiums in Galizien mitgemacht hat. Solche Verhältnifle trafen nun diejenigen an, die an die Organifierung der jüdifchen Jugend Galiziens im zioniftifchen Sinne gingen. Als einziges Vorbild hatte man nur einige, fchon exiftierende Vereine im Lande und vielleicht auch die gleiche Bewegung der ukrainifchen Jugend, die insbefondere in intenfiver Pflege der ruthenifchen Sprache und Literatur ihren Ausdruck fand. Man trachtete int Wege intenfiver geiftiger Arbeit durch Aneignung jüdifchen Wittens und jüdifcher Kulturwerte, das doppelte Ziel zu erreichen: einerfeits die Lücken jüdifcher Er^

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