Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
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^Berichte: Oesterreich, Oalizien 299 IV Zur Löfung des nationalen Jugendproblems gehört es vor allem, daß die Jugend fich felbft und ihre eigene Lage erkenne. So erging fchon vor einigen Jahren durdh die öfterreichifche Schülerjugend der Aufruf, mit der jüdifchen Jugend Paläftinas in Gedankenaustaufch zu treten. Ein lofer Kontakt zwifchen weft* öfterreichifchen und galizifchen Jugendführern ergab fich von felbft/ bald wurde er auch bewußt gefördert. Als mit Kriegsausbruch ein großer Teil der Jugend Ga* liziens und der Bukowina nach dem Welten kam, entftanden viele Freundfchafts* bände zwifchen oft- und weftjüdifcher Jugend. Die akademifdhe Jugend beider arbeitet nicht mehr wie früher in getrennten Gruppen, foweit die Sprachver* fchiedenheit überwunden werden kann. So bereitet fich allmählich der organifa* torifche Zufammenfchluß vor, der nunmehr auf dem Wiener Jugendtage im »Ver* band der jüdifchen Jugendgruppen Öfterreichs« erfolgt ift. Der Verband umfaßt in feinen wichtigften Richtungen : Die akademifdhe Studentenfchaft, Hafchomer mit angefchfoflenen Gruppen,*) Blau^Weiß, Mittelfchülerverband, Turnerfchaft, Mädchen* vereine, einige nichtftudierende Gruppen etc. (fchätzungsweife 8000 Jugendliche). Seine Aufgabe wird es fein, die Gefchloflenheit und Einheit**) der jüdifchen Jugend zu erzeugen, welche für die nationale Rolle der Jugend notwendig ift. Der Verband kann nur dann fein Ziel erreichen, wenn jede Richtung ihre Ein* feitigkeit nach den Erfordernden der Gefamtheit einrichtet und wandelt. Frei* lieh wird die jüdifchnationale Jugend Öfterreichs ein einheitliches jüdifches Er* ziehungswefen lieh erringen muffen, das die kulturelle und fprachliche Grundlage für die Verftändigung fchafft. Ein Aufgeben der wertvollen Eigenart jeder Rieh* tung foü und kann nicht erftrebt werden. Nicht fo ift die »Einheit« verftanden. Vielmehr foll die jüdifche Jugend erft erftehen, die durch Erkenntnis ihres Seins und ihrer nationalen Kulturfendung zuerft Idee und Freundeskreis im engeren Sinne wählt. Dann aber die Teilrichtung wandelt und vervollkommnet. Und fchiießlich auf ihrem Wege die eben befte nationale Tat vollführt, angefichts der gelamten jüdifchen Jugend. Eine Einordnung der jüdifchen Jugendbewegung in die zentralen Aufgaben der jüdifchen Jugend wird hoffentlich fchon die nächfte Zukunft bringen. Die jüdifche Jugend Öfterreichs wird für die zentrale Sprach* verftändigung, für Paläftinafiedlung, Berufsumlchichtung, Selbfterziehungsarbeit und Errichtung des eigenen Erziehungswefens, insbesondere für die Vereinigung mit der jüdifchen Jugend anderer Landet fchon in baldiger Zukunft gewichtige Bauarbeit übernehmen. Wien Dr. Heinrieß Gfanz GALIZIEN Galizien — das Mittelland zwifchen Oft* und Weftjudentum hat in hohem Maße die Merkmale beider in fich vereinigt. Nicht als ob es dort zu einer har* monifchen Verfchmelzung, zu einer Vereinigung der fo unverföhnlich fcheinenden Gegenfätze gekommen wäre — davon war noch bis in die neueften Zeiten hinein nur wenig zu fpüren, jedenfalls nicht mehr als in Rußland oder im Königreich Polen. Die beiden find hier vielmehr auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche zufammengedrängt, bunt gemifcht und doch fcharf umriflen und gekennzeichnet. In denfelben Ortfchaften, wo ehemals Krochmal, Rappaport, Perl und Schorr gelebt und gewirkt haben, wo hetite Hunderte und Taufende Juden europäifche Schulen abfolvieren, wo fich fchon fogar ein Typus des Polen mofaifcher Konfeffion, den *) Hafchomer organifiert gegenwärtig auch die orthodoxe Jugend (Bachurim)» fowie jugendliche Arbeiter. **> Siehe in der Jugendnummer der »Blätter aus der jüdifchen Jugendbewegung« meinen Auffatz »Achduth« zur Einheit der jüdifchen Jugendbewegung.