Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827072--0275-2827375- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
256 Sophie Steinhaus» Aus dem jüdischen Volksheim verfiärkt, daß die ausgewanderten und geflüchteten Eltern aus Ehrgeiz für ihre Kinder, auch in dem Beßreben, ihnen ein leichteres Leben zu fchaffen <kein Wunder nach ihren traurigen Erfahrungen), vielfach den Wunfeh haben, aus ihren Kindern »Deutfche« zu> machen. Auf den deutfehen Juden, die eine gewilfe Führerfdiaft im Volksheim haben, liegt eine große Verantwortung, deren liefich bewußt find. Die Frage iß: wie findet man fich mit den zum. Teil ftarren und unfaßlichen oßjüdifchen Religionsformen ab? Das» Schwanken und Werden der Gefinnungen, das heiße Ringen mit diefem Problem läßt fidi in feiner ganzen Lebendigkeit fchwer dar*-' (teilen. Eine zufammenfalfende Andeutung muß genügen. Die Weßjuden fuchen mit der Liebe und Inbrunfi Werbender nach, religiöfem Ausdruck. Ihre Sehnfucht ift zu tief und glücklicherweife ihr Infiinkt zu gefund, um die an den ößlichen Freunden beobachteten Formen zu übernehmen. Wären lie nicht kräftig, f,>- würde die Rezeption längft vollzogen lein, denn die Oßjugend. fordert: »Wenn Ihr Juden fein wollt, dann fügt Euch dem Volke ein, indem Ihr feine Sitten übt«. Schön iß, daß in diefem Prozeß die Oßjugend in dem Beßreben, den Gegenfatz zu betonen, nun mit befonderem Eifer alle Gebräuche pflegt, foweit das Leben in Deutfchland es irgend zuläßt. Dabei find die Bindungen durch die Religionsformen nicht nur als Golus-Schutz überhaupt zu fchätzen,. fondern der Oßjugend rein menfehlich nötig, um ihr gegenüber all den Gefahren, die ihr außer der Affimilation drohen, den notwendigen Halt zu verleihen. Nur wenn auf beiden Seiten ein heißes Bemühen diefer Art; vorliegt, kann in Wahrheit von einer Volksgemeinfchaft die Redefein. Im Rahmen des Volksheims fetzen fich Oß^ und Weßjuden ehrlich auseinander, in herzlicher Freundfdhaft verbunden, fodaß orthodox — liberal — formenlos nicht getrennte Lager und Feind- Ichaft bedeutet, sondern Werben und gegenfeitige Hilfe, So kann aus der Verbindung von Ofi* mit Weßjuden, aus der wahren Gemeinfchaft für beide Teile Fruchtbares entßehen. Wie fihwer die Berufswahl und Berufsberatung unter diefen Umßänden iß, zeigt fich, wenn man bedenkt, daß die meiften Berufe die Affimilierung, das FallenlalTen der Gebräuche vorausletzen, und daß in den meifien Fällen die Mittel zur Ausbildung fehlen. Die Art, wie da im Volksheim gearbeitet wird,, geht am eindrudcsvollßen aus einem Beifpiel hervor. In einer Gruppe find Jünglinge mit nicht recht zu definierenden <vielleicht auch dunklen) Berufen. Diefe Jünglinge fühlen, lieh als unabhängige Händler gegenüber dem Arbeiter und Flandwerker fozial gehoben, obwohl es Handel in den niederßen Formen iß. . Sie find fozial auffirebend, würden daher den Uebergang-zum Plandwerk als Rückfehritt empfinden. Der belferen Einficht find fie in diefer Beziehung begreiflicherweife nicht zugänglich. Da entschließt fich der ihnen nahefiehende Wefijude, um fie mitzureißen, dazu ,