Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Sopßie Steinhaus, Aus dem jüdiscfien Volksheim Gefelligkeit die Grundlage für eine gefunde jüdifche Gemeinlchaft zu fchaffen, in der die Unerträglichkeiten der gegenwärtigen Ge^ fellfchaft unmöglich find. Es war von vornherein klar, daß hier der Verfuch gemacht werden mußte, Weftjuden und Oßjuden fruchte bar zu vereinigen. So entßand das Volksheim mitten in der Berliner Siedlung der ausgewanderten oder geflüchteten polnifchen und galizifchen Juden. Welches ift das Ziel und mit welchen Mitteln fucht das Volksheim es zu erreichen? Naturgemäß kommen die Weßjuden mit anderem Wollen und mit anderen Gedanken als die Oftjuden. Die erßeren fehnen fich nach Volksgemeinfchaft, nach Gemeinlchaft überhaupt. Sie wollen heraus aus der Vereinfamung, in die fie gezwungen find durch das unnatürliche europäifche Gefellfchaftsleben, in dem die wirtfchaftliche Lage das foziale Anfehen befiimmt. Sie wollen heraus aus der antifemitifchen Umwelt, in der fie fich nicht entfalten können, aus dem Kapitalismus, durch den ihre edelfien, geifiig-fozialen Triebe verkümmern. Siehoffen, in der jüdifchen Religion und im jüdifchen Wefen die Grundlagen für ein gerechtes menschenwürdiges Leben zu, finden, und fie fachen bei den Oßjuden die echte Jüdifchkeit in Gefinnung und Ausdrucksvermögen, die ihnen verloren gegangen iß. Anders die Oßjuden: ihnen fehlt zunächß europäifche Zivilifation, die fie brauchen, um fich in der fremden Umgebung zurechtzufinden. Sie find wirtlchaftlich Schwache und brauchen deshalb den Rat und die Hilfe derjenigen, die Br^ werbs-Möglichkeiten und -Erfordernde kennen. Die Weßjuden fetzen fich aus Studenten und Studentinnen, Abfolventinnen der lozialen Frauenfchule, des PefialozzUFröbeUHaufes und geißig vor** gefifirittenen Menfchen verfchiedener Berufe zufammen. Die Oß* juden find nur ausnahmsweife Arbeiter, gewöhnlich kleine Händler,- die Mädchen find, wenn fie fchon lange genug in Deutfchland leben, Stenotypifiinnen, fonfi Schneiderinnen oder auch im elterlichen Haus* halt <große Kinclerzahl, Mutter vielleicht berufstätig oder krank) befchäftigt — der größte Teil geht noch zur Schule. Das Beßreben der Weßjuden iß und muß fein, ihre Freunde foliden Berufen zuzuführen. Polnifche und galizifche Juden in Berlin find völlig wurzellos und daher allen Gefahren leicht zugänglich. Die größte Gefahr iß die der Affimilation, die den jüdifchen Geiß zerßört. Aber irgendwie müffen hier Kompromilfe gemacht werden. Das Leben in Deutfchland erweiß fich als ein Feind der jüdifchen Religionsfprmen, von denen Stück um Stück fällt. Das führt uns zu einer Ichwierigen Frage, bei der wir einen Augenblick verweilen wollen, In einem Gefpräch mit jungen Oft* juden im Volksheim über jüdifche Religionsformen geftanden diefe, daß fie vermutlich längft viele Gebote <Sabbatruhe, Speifegefetze ufw.) nicht mehr beachten würden, wenn fie nicht mit den »Helfern«, das find die Weftjuden, Umgang hätten, denn der fchon an fich gegebene Anreiz zur Affimilation wird noch durch den Umftand