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Der jüdische Wille · 1918-10-01 · Heft 4-5 (Oktober 1918) · page 35

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 4-5 (Oktober 1918)
Date
1918-10-01
Page
– (sequence 35)
Language
German
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Ostertag, BlaWeiB-'Gedanfcen \ 245 .Auch wir bejahen die Tendenz der Einheit, Tat und Zukunft. Ob fie aber nun auch wirklich die jüdifchen Leitmotive waren, fcheint uns nicht nur aus Gründen der Methode zweifelhaft, fondern es ift uns vor allem von untergeordneter Bedeutung. Vor dem Palältina unferes Willens verblalTen derlei Feftlegungen in Schemen. Wir wollen ja nicht der oder jener Idee zum Siege verhelfen, fondern wir wollen ein Leben der Ganzheit. So wenig uns die jüdifche Antike eine Religionsgefchichte ift, fo wenig ift uns die jüdifche Zukunft die Gefchichte einzelner Ideen. Wie wir Aus* "fihau halten nach einer Vergangenheit, die umfallender ift, als man fie uns bisher zeigte, fo wehren wir uns gegen den Nationalismus, der in dem Wahne, aus der Gefchichte objektive Linien herausgelefen zu haben, diefe Linien, die lediglich Gefichtspunkte find, deshalb in die Zukunft hineintragen möchte, weil er fie als in der Vergangenheit wirkfam erkannt zu haben glaubt. Weil diefer Hiftorismus feine Richtung vor) der Vergangenheit her empfängt, macht er blind für die Forderungen der Zukunft. Es war ein entfcheidender Fortfehritt der nationalen Bewegung der Alfimilation gegenüber, wieder den Anfchfuß an die Vergangenheit gefunden zu haben. Das Bewußtfein, zu einem uralten Kultur* volke zu gehören, gab dem Juden und befonders dem jungen ein durch nichts zu erfetzendes Gefühl des Verwurzeltfeins in der Welt ■<lurch das Mittel des Volkes und daraus entfpringend ein Würde* und Verpflichtungsgefühl, das uns bitter not tat. Wenn diefes Ver* gangenheitsbewußtfein aber fein Gebiet, das der Bezirk des Er* habenen ift, überfchreitet, wird es lebenshindernd. So gewinnt auch die im Blau*Weiß wohl am meiften um* ftrittene Frage, die der Wiederbelebung jüdifcher Formen, ein neues und anfechtbares Ausfehen. Während man lange in ihrer möglichft weitgehenden Wiederbelebung einen gerade für den Blau*Weiß wefentlichen Erziehungsweg fah und teilweife auch noch fieht und dahep nicht unterfchied zwilchen den Formen, die man fich im frohen Feftgefühl felbft fchuf, und den aus Ehrfurcht von der Tradition über* nommenen wie etwa dem Speiferitual, fo fieht man heute doch vielfach kritifcher. Es war das etwas unerhört Neues: Jungen und Mädel au? ganz affimilantifchen Häufern beobachteten auf einmal auf einer Fahrt aufs ftrengfte die Spejfegefetze und andere rituelle Vorfchriften. Und vielleicht war es damals gut fo. Heute aber, wo der Paläftinagedanke fich bei uns durchgefetzt hat, ift es belfer, daß eine Generation herangewachsen ift, der einmal diefe Formen zu auslchließlich religiös*fynagogal lind, als daß fie in ihnen einen * adäquaten Ausdruck ihres Lebensgefühls fehen könnte, und der andererseits die Tradition als folche noch lange keine Dafeinsberech* tigung bedeutet. Und in der Tat birgt die künftliche Wiederbe* lebung alter Formen zwei Übel in fich. Das eine ift die Heuchelei, zu der fie befonders Menfchen mit wenig ausgeprägtem gefchicht* /liehen Sinn leicht erzieht, das andere und fdilimmere ift die Ver*

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