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Der jüdische Wille · 1918-10-01 · Heft 4-5 (Oktober 1918) · page 29

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 4-5 (Oktober 1918)
Date
1918-10-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
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Ostertag, Blau^Weiß^Gedanken 239 BLAU - WEISS - GEDANKEN Eine Darfteilung vom Wefen einer Bewegung kann nur den Anfpruch darauf erheben, gewifle in ihr wirkfame Ideen zum Aus* druck zu bringen, ohne daß behauptet werden kann, die ganze Bewegung identifiziere oder erfchöpfe fich gar mit ihnen. So auch hier, wenn von dem Blau-Weiß die Rede ift. Der Wert einer derartigen Darßellung ift fehr zweifelhaft, da fie die Gefahr in fidh birgt, die zu der Bewegung Gehörenden dogmatifch feftzulegen: fie treten dann mit vorgefaßter Meinung an die Einzelfragen heran, hören auf, fachlich zu denken, reden lieh ein, fie feien fo und fo befchaffen und müßten fich demzufolge auch fo und fo »bewegen«. So verfanden die meißen Bewegungen,, es entfteht die Kirche. In einer gewilfen Programmlofigkeit des Blau*Weiß, die man ihm vielfach vorwirft, erblicken wir deshalb — das fei gleich von vornherein gefagt — einen Vorfprung, den er vor den meiften anderen unferer Jugendorganifationen hat. Natürlich darf aus der Programmlofigkeit nicht auch wieder ein Programm gemacht werden. Schon hier fei gefagt, daß uns das fruchtbarfte Verhältnis zwifchen Organifation und Leben, zwifchen Bindung und Freiheit in einer Jugendbewegung darin zu liegen fdheint, daß die Bindung nicht in einem Programm, fondern in einer gemeinfamen Grundftimmung gegeben ift : wenn alfo Menfchen, die fich zu einer Gruppe zufammen* Ichließen, fich von einem Grundrhythmus durchpulft fühlen, wenn fie »zufammenftimmen«, wenn hierin ihre^ Bindung oder richtiger gefagt die Vorausfetzung ihres Zufammenlchlüfles liegt, wenn man" aber andererfeits in der Programmfetzung möglichft weitherzig ift. Im Rahmen einer folchen Gemeinlchaft gehe aber der Einzelne rein fachlich an die Dinge heran, lafle fich nur von fachlichen Mo* < tiven beftimmen und hüte fich davor, Überlegungen anzuftellen, ob die fachlich gewonnenen Erkenntriifle auch in den Rahmen feiner Gemeinlchaft, fo wie er fie fich vorftellt, hineinpaflen. Wirkliche Disharmonieen diefer Art werden dadurch, daß man fie erkennt, nicht aus der Weit gelchafft. Oft liegt aber in. fcheinbar Widerfpruchs* vollem ein tiefer Sinn und Zufammenhang, den wir nur nicht gleich erfalTen. Was nicht von innen erwadbfen ift, entfteht nun und nimmer durch Erkenntnis, wie überhaupt der Wert der Reflexion im alt* gemeinen von uns noch weit überfchätzt wird. Aber bezeichnender* weife kommen Menfchen gleicher Grundftimmung, wenn fie rein fachlich denken, meift auch auf gleiche Bahnen. Man kann dann mit Recht von Bewegung fprechen. Und das gehört mit zu den fchönften Erlebniflen im Blau*Weiß, daß wir gerade diefe Erfahrung felbft bei fcheinbar ganz unwefentlichen und abfeits liegenden Dingen immer wieder machen.

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