Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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CaCvary, Geleitwort 215 Ausdruck. Wenn zu allen Zeiten der Wille in der Jugend so ungestüm ans Licht drängte, daß er der Klarheit des Ausdrucks ruhig entbehren durfte und dumpf, triebhaft, stammelnd, genial hervorbrach, so möchte heute zuweilen Verschwommenheit und Unklarheit und Allgemeinheit des Begriffs an sidi als die natürliche Sprache der Jugend gelten. Die Zeit der Schwarmgeister taucht vor uns auf, da Goethe aus seinen Erlebnissen heraus neben der Tragödie vom Propheten die Komödien von den Affen der Propheten schrieb. Es gilt für die Jugend, sich das Gewissen des Geistes nicht abstumpfen zu lassen. Der Wille zum Neuaufbau unseres Lebens tritt notwendig hier und da in einen Gegensatz zu dem natürlich gewachsenen Judentum und erzeugt gerade in den Besten der jüngeren Gene* ration ernste Konflikte. Die Diskussion der religiösen Frage be* deutet nur einen Ausschnitt aus diesem Komplex. Ein tiefer In* dividualismus ist erwachsen und strebt nach rückhaltloser Ehrlichkeit. Er lehnt es ab, irgend etwas zu tun, tueff es angeblich jüdisch ist, er horcht auf die Stimme des Ja und Nein in der eigenen Seele. Und es ist gewiß wahr: im Namen des Judentums kann aus einer Geschichte von dreitausend Jahren so viel verkündet werden, daß dem Argument keine ernste Beweiskraft innewohnt. Aber so sicher das Judentum in einer Streitfrage nicht als causa argumen* tationis, als Beweisgrund dienen kann, so sicher muß die jüdische Kraft unferer Seele zur causa efficiens, zur wirkenden Ursache werden. Das entscheidende Gewicht in ,der jüdischen Gemeinschaft wird dem zufallen, der tiefer und instinktsicherer dem Judentum verbunden ist. Nicht die »Freiheit« der individuellen Seele, son* dem ihr Getragensein von den Kräften des Blutes und der Ge* meinschaft entscheidet. Es liegen ernste Gefahren in einer Abkehr von der Geschichte und in dem Willen zur Vertiefung des Ge^ meinschaftslebens durch die perfönlicfasten Kräfte; nicht umsonst standen an der Wiege nicht etwa des Chauvinismus, sondern des verinnerlichten Nationalismus rückwärts gewandte Propheten von dem Range eines Herder und Jakob Grimm. Einst glaubten wir, daß im Blaü^Weiß und seiner Natura hihgabe eine Gewähr für eine natürliche Entwicklung des Juden* tums liege. Aber auch und gerade in ihm werden Kräfte sieht* bar, die ihn leicht wieder zu einem Diskutierklub machen könnten. Der Persönlichkeitswille durchbricht die Schranken der Gemeinschaft, gewiß um einer neuen und edleren Gemeinschaft willen, aber doch im Gegensatz gegen die Hemmungen der geschichtlichen Gestaltung. Theoretisch ist es unmöglich, zu entscheiden, wie weit die hem* mungslose Freiheit. der Persönlichkeit uns fördern kann. Je tiefer die natürliche Bindung des einzelnen an das Volkstum reicht, um so freier kann er sich entwickeln, ohne der Gesamtheit zu schaden. Aber es ist gefährlich, Persönlichkeit werden zu wollen, gefährlich, eines eigene Persönlichkeit zu betonen. Mit Max Weber zw