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Der jüdische Wille · 1918-08-01 · Heft 3 (August 1918) · page 70

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 3 (August 1918)
Date
1918-08-01
Page
– (sequence 70)
Language
German
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210 K. J.V,-er-Feldbriefe wenn man mit eigenen Augen Geht! Allen Bundes brüdern wünfehe ich, nur zu urteilen, wenn fie wirklich gefehen haben. Nichts glauben, was erzählt wird, was gedruckt wird, was gefchmuft wird! Sehen, fehen, denken!! Bundes* brüder, die im Often waren, haben ihre Urteile anfeheinend oft fchnellfertig aus gelegentlichen Beobachtungen gefällt, da fie befonders hier in »Litwakien« nur bisweilen aus der Front in jüdifches Ge~ biet vorgedrungen find. Sonft wäre es nicht möglich, daß bei uns immer noch von »Oftjuden« die Rede ift! Diefer Begriff muß verfchwinden. Denn es befteht ein tiefgehender Unterfchied zwi* fchen Litwaks, d. i. ruffifchen Juden, und den polnifchen Juden, und alles, was ich gefchrieben habe, gilt nur für »Lit* waks«. Hoffentlich habe ich auch Ge* legenheit, einmal nach Polen zu kommen. Aber fchon jetzt glaube ich, daß der Unterfchied zwifchen Litwaks und uns nicht viel größer ift als der zwifchen Litwaks und »Polen«. Das einigende Band aller Oftjuden ift wohl lediglich die jüdifche Sprache! — Nun werde ich bald wieder nach Minsk kommen, wo ich fchon viele Freunde habe. Der Zio~ nismus als Parteiorganifation fpielt in diefer Stadt von 50000 Juden eine große Rolle, da er in dem einen Jahr der Freiheit gut gearbeite that / auf fozialem Gebiet befonders »Korporatifs«, das find Konfumvereine, gegründet hat, die großen Segen bringen,- Volkshäufer, Theater, eine zioniftifche Tageszeitung gefchaffen hat <die übrigens von den Bolfchewikis verboten, jetzt aber durch die deutfehe Verwaltung wieder erlaubt worden iß). Ueberall jüdifches Leben, das von wirklich ganzen, zielbewußten, natürlichen Menfchen getragen ift. Die haben recht behalten unter uns, ich freue mich, das konftatieren zu können, die zum An^ fchluß, zum Lernen von den »Oftjuden« <— Litwaks) geraten haben! Wir werden nur dann den Zufammenhang mit ihnen wieder finden, wenn wir ernftlich alles Affimilantifche abftreifen und, ich fcheue mich nicht, Ketzerworte zu reden, — ernftlich daran arbeiten werden, unferen Nationalismus wefenhafter zu machen! Zu welchen Konfequenzen ich damit komme und welche Forderungen ich daran knüpfe, will ich ein andermal erörtern, wenn fich mir das Erlebnis diefer fieben Wochen noch etwas mehr konso* lidiert hat..... Emanuef Roer 12. Juni 191& Du haft allerdings recht, diesmal habe ich ausnahmsweise, aber wohlverdientes Gluck gehabt. Daß mir noch jetzt, ~wo> der Krieg, wenigftens im Often, doch* allmählich zu Ende geht, mein after Wunfeh in Erfüllung gegangen ift, die Oftfront oder vielmehr den Often und das öftliche Judentum kennen zu lernen,, kann ich nur als eine glückliche Fügung des Fatums bezeichnen. Was ich in diefen vier Monaten gefehen und erlebt habe, an jüdifchem Leben und Organi* fationen, in Verfammlungen und Sitz* ungen, in Volkshäufern, Theatern, Schulen, Chedarim und Synagogen, auf der Straße und auf dem Markt und vor allem in den Familien kann idv Dir nicht annähernd im Rahmen eines Briefes fchildern und brauche es auch nicht, da das Tatfächliche ja überall immer wieder gleichmäßig befchiieben worden ift. Aber einiges über meinen allge* meinen Eindruck. Ich kam mit großer Neugier, banger Erwartung und, ich kann es nicht ver* hehlen, mit leifer Furcht hier an: affi* milantifche Schilderungen, fie find fattfams bekannt, aber auch einzelner Bundes* brüder erzählte Erlebnifle fchwirrten in meinem Kopf und dazwifchen klang die mahnende Stimme ernfter Bundesbrüder; »An die Oftjuden müffen wir Anfthlufr finden!« Nun, heute fehe ich ziemlich klar über die öftliche Frage. Und ich kann wieder einmal konftatieren, wie nach meiner Paläftinareife, wie wefent* lieh es ift, wenn man in unfere Dinge eindringen will, hinzugehen und felbft zu fehen und dann erft mitzureden. — Zunächft ift uns nie deutlich genug ge* macht worden, daß es ungenau ift, über~ haupt von »Oftjuden« zu reden, daß man unbedingt ftreng unterfcheiden muß zwifchen pölnifchen und ruffifchen Juden, den kurz Litwaks genannten. Diefe letzteren find es wohl lediglich, an die uns ftets der Anfchluß empfohlen wird, und aus dem Durcheinanderwerfen bei* der Teile von Oftjuden ift wohl ein Teil der Verwirrung, die bei uns. herrfcht, zu erklären. Die Litwaks alfo habe ich an drei verfchiedenen Stellen zu beobachten Gelegenheit gehabt: erftens in einem Marktflecken von knapp 170 Juden hinter der alten Stellung, die 2*/2 Jahre deutfeher Okkupation

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