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Der jüdische Wille · 1918-08-01 · Heft 3 (August 1918) · page 69

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 3 (August 1918)
Date
1918-08-01
Page
– (sequence 69)
Language
German
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K,J. V.*er-Feldbriefe 209 Haus felbft retten will, ganz gleich, ob es auch das urfprüngliche ift. Diefe Modernifierung liefert mitunter fpaßhafte Bilder, macht auch oft an das Alte fcheinbar Konzeffionen, die dadurch lächerlich werden, daß fte kein Menfch innehalten kann. So z. B. die forg* fältige Trennung der Gefchlechter in den Verkehrsmitteln. Wenn man die Wagenfdhilder fieht, fo beftaunt man die Hart* näckigkeit, mit der fich der alte islamifche Oeift erhält. Sieht man die Menlchen »dazu in ihrem Verhalten, fo wundert man fich über die Selbftverftändlichkeit, mit der fich jedermann über folche Schranken hinwegfetzt. Wie würde das bei uns in ähnlichen Fällen fein? . .. Euer Löwenßerz Mai 1918 Ich fchwelge im »litwakifchen« Often! Ich habe hier das Kommando über alle rückwärtigen Stationen, Mannfchaften und Pferde der Abteilung, die ich ge* fchlolfen nach Minsk vorführen werde, fowie ich von der Eifenbahn die nötigen Waggons bekomme. Morgen oder übermorgen! Hier lebe ich als Baron auf -einem Marktflecken, habe Kutfchen, Wa* gen, Pferde, Butter, Milch und Eier! Die faft drei Wochen hier waren mir fehr intereflant, weil es auch hier Juden gibt. In Marktflecken — diefer ift nicht größer als ein mittleres Dorf bei uns ~ durften Juden bekanntlich wohnen, in Dörfern nicht. Es find an 170 Juden hier, die mich mit echt jüdifcher Gaftfreundlichkeit aufgenommen haben, obwohl es ihnen nach zweieinhalbjähriger deutfcher Okku* pation nicht zum beften geht. Großen* teils find die Männer noch in Rußland, als Soldaten oder Vertriebene,- Holz* iund Pferdehandel, von dem fie (ich vor der »Milchome« ernährten, find jetzt micht möglich. Es ift intereflant, wie glänzend fie fich doch über die fchweren Zeiten hinweggeholfen haben. Sie haben viel mit den Deutfchen Geschäfte ge* macht, Kleinhandel mit Zigaretten, Limo* aiaden, mit allen SoldatenbedürfnüTen getrieben. Aber fie haben auch aus der Not eine Tugend gemacht und fich der Landwirtfchaft hingegeben, Kartoffeln, Roggen, Gemüfe gepflanzt. Hühner, Kühe haben fie auch fchon in Friedens* zeiten gehabt. <Wenn ich ihnen Pferde zum Ackern, Eggen, Miftfahren borge, bekomme ich fo Eier, Butter, Milch im Taufch!) Allen deutfchen Juden, die in ihrer unnahbaren europäifchen Weisheh immer wieder behaupten, die Juden eig* neten fich nicht zur Landwirtfchaft, kann ich nur wünfchen, einen Tag dies kräftige Volk bei der Arbeit zu fehen! Man hätte ihm erlauben follen, auf den Dör* fern zu wohnen, Land zu erwerben: wir brauchten wirklich nicht erft mühfam jüdifche Bauern zu erziehen! Es ift ein glänzendes Material, was hier heran* wächft, und allzu oft liehen mir paläfti* nenfifche Bilder vor den Augen. Das ift der Stamm für Erez Israel! — Die Jungen find richtige Dorfjungens, die fich hauen und fpielen und fchreien, richtige Laufejungens. Trotzdem gehen fie gern und regelmäßig in Schul' und in den Cheder. Die jungen Mädchen arbeiten und verdienen kräftig mit <fie haben für die Deutfchen Straßen und Bahnen mit* bauen müflen!), fie können melken und Butter machen etc.,- und fie haben fich ohne Ausnahme ihre weibliche Ehre bewahrt, trotz des abfchreckehden Bei* fpiels der »Polackinnen« neben ihnen, die alle unter den deutfchen Soldaten ihre »Schätze«, »Kriegsmänner« etc. haben, eine Sache, die den deutfchen Soldaten naturgemäß unverftändlich bleibt. Die jungen Männer find, wie die jungen Mädchen, zum größten Teil gutgebaut, kräftige Arbeitsgeftalten. Allen gemein* fam ift, felbftverftandlich und unbefangen, ihr jüdifcher Nationalismus und ein inneres Verhältnis zu Paläftina, wenn fie auch nichts vom politifchen Zionismus wiflen. — Auch in dem benachbarten Städtchen Ofchmjana, wo ich ein paar* mal war, habe ich ähnliche Verhältnifle gefunden. Ich habe dort — in unferem Sinne — gebildetere Leute kennen ge* lernt. Mädchen, die Gymnafien befucht hatten, Gymnafiaften etc.,- alle haben einen grenzenlofen jüdifchen Stolz den Polen <bezw. Litauern, es lebten hier weißruffifche Litauer katholifcher Religion und polnifcher Sprache, die durch die Pfaffen zu Polen gemacht find) und den deutfchen Eindringlingen gegenüber. Man fpricht, wie überall in Rußland, hebräifch, verlieht es wenigftens, lieft es und lernt es. Ich habe hier glänzend richtige Urteile über deutfche Juden ge* hört, die man als Soldaten kennen ge* lernt hat, auch über einen Bundesbruder, der dort war. — Alles in allem! Ich bin ganz erftaunt, das hier zu fehen. Es ift mir wie ein Traum, und ich fehe wieder, daß man nur verftehen kann,

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