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Der jüdische Wille · 1918-08-01 · Heft 3 (August 1918) · page 71

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 3 (August 1918)
Date
1918-08-01
Page
– (sequence 71)
Language
German
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K> J. V.«er*Feldbriefe 211 mitgemacht hatten/ zweitens in dem großen jüdifchen Zentrum Minsk, und drittens hier in Boriflbw noch 80 km öftlich in einem Provinzftädtchen von 30000 Einwohnern, von denen zwei Drittel Juden find- Mein Urteil ift demnach nicht einfeitig. Denn Ein* feitigkeit wäre ebenfo ein Fehfer wie die Oberflächlichkeit der Affimilanten, die die Kultur diefer Leute hier nach der Menge ihres Seifenverbrauchs be* werten und bei der Verurteilung der »Gefchäfte« nicht an ihre eigenen Schleichhandeleien denken, die fie im Gegenfatz zu den Üftjuden an fieben und nicht nur an fechs Tagen zu hand* haben pflegen. Ich /teile alfo bei meinem Urteil in Rechnung, was bei den einen Kriegseinfluß, bei den anderen Einfluß der Revolution, bei den einen Groß* ftadt, bei den anderen Provinz aus* macht. Mein Eindruck ift ziemlich ein* heitlich: Es ift ein glänzendes Menfchen* material, das hier lebt. Es ift kein leeres Gerede. Man merkt ihnen an, daß fie den gefunden Mutterboden ihres Judentums nicht verloren haben. Sie ftehen ganz in ihrem Leben und in ihrer Art im Judentum/ fie leben ein jüdifches Leben und find daher von ruffifcher Affimilation innerlich frei geblieben. Sie haben durchaus Lebenskraft und Lebenswillen, find energifch und rüftig <der. Kampf ums tägliche Brot bringt es mit fich)/ fie find intereffiert an allem Möglichen und haben die Fähigkeit, fich zu begeiftern <und das will viel fagen). Aufgefallen ift mir, was. ich fchon in Paläftina gefunden habe, daß befonders das zarte Gefchlecht fich überaus vor* teilhaft von dem bei uns üblichen Typ unterfcheidet. Ein Kamerad von mir fagte fehr richtig : »Sie find raffiger, die jüdifchen Mädchen hier«. Sie find kräftiger und doch zarter, aber innerlich viel reger und lebendiger. Ich glaube, fagen zu können, wenn es uns gelingt, den Lebens* und Schaffensdrang diefer Litwaks fo recht nach ihrem jetzt oft geäußerten und betätigten Willen für Paläftina nutzbar zu machen, dann haben wir alles gewonnen und können der jüdifchen Zukunft ganz ficher fein. Hoffentlich ift es Dir klar, daß ich nur den allgemeinen Eindruck zufammen* faflend fchildere und nicht etwa über* fehe, daß vieles anders und befler werden muß und werden kann,- und daß ich vor al{em auch die Gefahr, gute und brauchbare Elemente durch den fozialiftifch * revolutionären Strudel fürs Judentum zu verlieren, nicht überfchätze. Es ift mir eine wirkliche Genugtuung, diefe fchwere Zeit unter diefen Menfchen zu verleben. So komme ich nicht in die Verlegenheit, die Hoffnung zu ver* lieren und den Mut linken zu laßen! Leider bin ich in letzter Zeit auf dem Gute, eine halbe Stunde ab von der Stadt. Aber ich habe natürlich genug Gelegenheit, mit meinen Freunden zu* fammenzukommen. Schon die allge* meine Marmeladennot macht es not* wendig! Wenn es Dich intereffiert, kann ich Dir auch mal genauer über die wirtfchaftlichen, politifchen und fozi* alen Einrichtungen hier berichten. Für heute herzliches Schalom! Dein EmanueC Roer Minsk, 3. Mai 1918 Ich hatte Euch verfprochen, mich zu belfern und bald vom Felde aus zu fchreiben, Zur Entfchuldigung meines Nichtfehreibens kann ich allerdings fehr viel anführen, aber nur eines möchte ich Euch fagen, und fchon dürfte Euch mein Verfäumnis klarwerden: »Minsk«. Drei Wochen hatte ich das Glück, dort zu leben, zu leben unter vielen Tau* fenden von Juden. Zum erften Male im Kriege war es mir vergönnt, längere Zeit in einer jüdifchen Stadt zuweilen,- wenn ich auch früher fchon hier ge* wefen war und jüdifche Städte, War* fchau, Plock und befonders Wilna, be* fucht hatte, fo waren das immer nur Tage oder gar Stunden, die es mir nie erlaubten, näher und enger mit den jüdifchen Einwohnern bekannt zu werden. So war es mir denn jetzt eine^große Freude, mehrere Wochen in Minsk zu fein, und diefe Wochen werden mir eine dauernde, lebendige und ftärkende Erinnerung bleiben. Soll ich Euch einzeln aufzählen, was mir dort alles begegnet ift, was ich dort alles erlebt, gefehen, ja gelernt habe? Es^dürfte zu viel des Großen und des Herzerfreuen* den fein,- nur einen Überblick kann ich Euch hier geben/ wenn wir*wieder ein* mal perfönlich zufammenkommen, dann werden wir über Minsk,* feine Juden und überhaupt die ganze Öftjudenfrage viel zu fprechen haben. — Ich habe auch bei uns fchon häufig die Wahrnehmung gemacht, daß manche

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