Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 3 (August 1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- – (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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208 K.J.V.*er*Feldbriefe K.J. V. * er-FELDBRIEFE Konftantinopel, den 15. Dezember 1917. Nun bin ich fchon wieder einep Mo* nat aus Berlin fort, und lebe fihon 14 Tage hier ganz erträglich. Mein Dienft ift auf der afiatifchen Seite des Bosporus in einer FeldmelTerftation, mit Hin* und Rückfahrt^ vergeht der ganze Tag. Die eigentliche Arbeitift gering und völlig felbftändig. Wenn man hier durch die Straßen geht, bekommt man die entgegenge* fetzteften Vorftellungen und Empfindungen. Einerfeits bedauert man diefes Volk, das (ich geduldig regalieren läßt, andererfeits kann man den Gedanken nicht loswerden, daß die Leute fich im ftillen und unter fich über die ganze Art luftig machen, die durch die euro* päifche Zweckmäßigkeit beftimmt ift. Den Türken felbft iß damit ein Zu* kunftsproblem vor Augen geführt, dem auch wir Juden entgegenfehen müflen. Der bisherigen orientalifchen Lebens* führung und Auffaflung ift die Pro* duktivität fremd. Wenn auch auf der Straße ein irrfinniger Lärm ift, fo ift das alles nicht fo ernfthaft gemeint. Der Lärm felbft ift Zweck, nicht die Reklame. Allgemein redet man vom Gegenfatz innerer und äußerer Kultur. Nur kommt bei diefer Art Kultur das eigent* lieh Moralilche zu kurz, das wir doch für die Grundlage aller weiteren Mög* lichkeiten inneren Lebens anfehen. Denn vom Moralifchen kann nur die Rede fein, wenn auch eine Bewährung des moralifchen Gehaltes in der Erfüllung des Willens fich vollziehen kann. Das gibt es aber nur in einem Leben, das durch Zwecke regiert wird, denn nur Zwecke und Mittel für fie können fitt* lieh bewertet werden. Das ift die eine Seite der Sache. Andererfeits find die Anfprüche an die technifche Vervoll* kommnung der Lebensführung doch auch hier fo weit geftiegen, daß ihre Mängel bitter empfunden werden, ohne daß jedoch die Kraft und die tatbereite Neigung befteht, diefe Mängel zu be* feitigen. Hieraus refultiert dann jene als Indolenz ausgelegte Refignation. Auch bei uns im Zionismus gibt es diefe Kreife, die das Heil in dem Plätfchern in Sentiments erblicken, die ohne Beziehung zum tätigen Leben ftehen. Nun werden wir allerdings nicht erwarten dürfen, daß wir einmal die Welt, wie fie fich in Wefteuropa em> wickelt hat, in derfelben Bahn zu uner* hörten Höhepunkten führen werden. Aber was wir felbft verlangen können, ift doch die Möglichkeit einer anftändigen« Lebenshaltung. All jene fozialen Ein*^ richtungen, wie genolfenfihaftliche Be** wirtfehaftung des Bodens und der induftriellen Produkte haben doch nur Sinn, wenn nicht alle dem gleiche» Stadium von Verelendung anheimfallen,, fondern umgekehrt die »Güter« des Lebens allen Arbeitenden zugänglichgemacht werden. Das fetzt alfo eine Produktion voraus und zweckmäßige* Anordnung und Zufammenfaffung der Kräfte des Landes. Wir kommen alfo um eine Herrfchaft der Arbeit und des Zweckes nicht herum, und auch für den einzelnen' liegt die Löfung des Paläftinaproblems nicht in der Entfaltung des jüdifchen Ich, fondern in der vernünftigen Ein~ Ordnung in die Gefamtheit. Wir gehen nicht nach Paläftina, um gewilfe Vorbe*- dingungen für die »Entfaltung der jüdifchen Seele« zu fchaffen * oder etwa um gewilfe Dinge zu betreiben, die wir als Emanationen jüdifchen Kulturlebens anfehen. Natürlich wird auch all diefes gefchehen, aber als Tendenz, nicht als Programm. Auch in Paläftina ftehen. wir vor derfelben Ratlofigkeit wie im Galuth, fowie es fich darum handelt, diefes Programm durch beftimmte Mittel durchzuführen. Betrachten wir es als Tendenz, fo fagen wir damit, daß wir Optimiften genug find, um zu glauben, daß die pofitive prakrifche Arbeit für die Organifation der lebensfähigen Völker die nationale Kultur von felbft erfchafft. Solche Fragen, ob man PeflKmift oder Optimift fein foll, ftellt man hier fehr bald, wenn man diefes Nebeneinander von Alt und Neu in der Türkei lieht,, das auch manchmal ein Gegeneinander wird ,• fo fragt man fich, welche von den beiden Richtungen eigentlich mehr an die Zukunft der Osmanen glaubt,, ob jene, die die alte Form ihres Lebens, beibehalten und die alte Türkei oder nichts erhalten, oder jene, die mit ziem* lieber Gewalt modernifieren und das.