Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1918-08-01 · Heft 3 (August 1918) · page 50

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 3 (August 1918)
Date
1918-08-01
Page
– (sequence 50)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
82% known words query
IRI
…/2827066-2827067-2827071--0204-2827303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

190 Landauer, Zionismus und Afftmilation Was heißt Nattonalkultur? Gibt es eine fpezififch franzöfifche Kultur? Wir bejahen es unbedingt. Zur franzöfifchen Kultur gehört z. B. ihre literarifche Leiftung. Aber inwiefern find Racines Tragödien franzöfifch? Hätte fie nicht ein Deutfcher ebenfo fchaffen können oder find fie dem deutfchen Geift nicht in derfelben Weife verßändlich und genießbar wie dem franzöfifchen? Hier fteckt der Unterfchied. So wenig diefe Tragödien in Deutfchland entliehen konnten, fo wenig deckt fich die deutfche Auffalfung mit der franzöfifchen. Es ift nicht der Zufall der Geburt, der Racine zum Franzofen machte ,• in ihm vereinigen fich alle Vorbedingungen eines andersgearteten Geiftes. Aus ihm fprechen die Stimmen des franzöfifchen Blutes, der ganzen franzöfifchen Gefchichte bis auf feine Zeit. Nur in diefem Volke, in diefer Lage, in diefer Zeit konnte ein Racine erftehen. Die Reihe feiner Vorfahren fteht voll wirkend hinter ihm. Sein Geilt ift ihr geeinigter, bereicherter, ihr konzen^ trierter, auswirkender Geift, der fpezififche Eigentümlichkeiten gemeinfarrt mit dem der anderen Franzofen hat. Nur dem Franzofen ift daher fein Werk recht eigentlich verftändlich — wenn vollkommen auch bloß ihm allein ^— erfaßbar in feinem Sinne allen feines Stammes. Gerade was die franzöfifche Auffalfung von der anderer Völker trennt, das ift franzöfifch: die Fähigkeit, gerade diefe Kulturleiftung zu erleben, fie innerlich fühlend nachzufchaffen, felber folche Leiftung zu erzeugen, mit diefer Note fchöpferifch tätig zu fein — das ift die Kultureignung diefes Volkes. Und nicht anders fehen wir die Kulturfähigkeit der Juden an,« von hier aus betrachten wir alfo den Begriff »jüdifche Kultur«. Was der Jude fchalft, ift jüdifch, kraft des Andersfeins der Juden als andere Völker. Jede Leiftung eines Juden konnte nur er, mit feiner Vergangenheit, in feiner Gegenwart Ichaffen. Nur diefer jüdifche Marx konnte der Urheber feiner Lehre fein, nur diefer jüdifche Heine der Geftalter jener Werke, diefer Mofe, Jefaja, Esra jener Religion, Darum lehnen wir ab, nur die religiöfe Leiftung vor der Weltgefchichte aufweifen zu können, diefe fchon abgefchlolfene Kulturtat. Nein, nach der Offenbarungstheorie nicht einmal eine jüdifche Tat, denn der allen Völkern gemeinfame, alle Nationen in feiner Liebe umfalfende Gott wird doch keine fpezififch jüdifchnationaUkulturellen Geiftesausftrafilungen offenbart haben. Gerade Breuer mit feiner alleinigen, der Gefchichte angehörenden, offen-* harten Religion beraubt uns der kulturfchöpferifchen Fähigkeit und der Kulturleiftung. Da vermöchte man vielleicht eine Gegnerfchaft zu erblicken zur Nationalkultur, zur jüdifchen Originalität, zum jüdifchen Genie, das wir in Mofc, Hofea, Jeremia verehren, das uns zur Anerkennung der jüdifchen Religionswerte nötigt. Was der Jude fchafft, ift jüdilch, kraft feines Andersfeins als andere Völker. Und das verkennt Breuer demnächß, daß nämlich der Jude heute noch fchafft und noch in Zukunft fchaffen will. Er redet von den Juden als Einheit der Ralfe, als Einheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.