Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 3 (August 1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Riefe, K. J. V. und Mifchehe 169 ift, erhellt daraus, daß gelegentlich auch über alle anderen Probleme das jüdifch-religiöfe Erleben geftellt wird: der wefteuropäifche Profelyt, fagt Pelz, kann nicht in ein wirklich inneres Verhältnis zum Judentum als zu einem neuen religiöfen Erleben kommen. Nun ift aber gerade den Geboten und Satzungen diefer in ihren Forderungen fonft wahrlich nicht belcheidenen Religion vollauf Genüge gefchehen, wenn die Frau zum Judentum übertritt. Alfo warum päpftlicher fein wollen als der Papft? Man hat das merkwürdige Schaufpiel erlebt, daß in dem Streit über die Mifchehenfrage gerade die gefetzestreuen Bundesbrüder nicht die Verletzten waren, fondern jene, die dem jüdifth-religiöfen Leben bisher recht fern ftanden! kh glaube, es fpuken in den Köpfen der Eiferer doch wohl mehr verworrene Raflenbegriffe, als zugeftanden wird, und es ift kein Kredit für unfer Niveau, wenn wir auf unfere Art Chamberlainfche Vorftellungen und Gefinnungen großziehen. Vor allem aber ift der dogmatifche Charakter, mit welchem <ler Kampf auf der Gegenfeite geführt wird, zu mißbilligen. Als wäre jede gegenteilige Anficht fündhaft und Ausdruck einer Halbheit, droht man fofort mit Brandmarkung: »bourgeoife Sentimentalität, Weichheit des Verftehens, Weichlichkeit des Nachfühlens, Schlaffheit und Halbheit, Unvermögen zur Ganzheit der Leidenfthaft«, mit diefen und ähnlichen Schmeicheleien fucht man den Gegner mundtot zu machen. Man arbeitet mit Thefen und hat unter anderem gefagt: »Wir müflen Mauern um uns aufrichten«, ohne zu beachten, wie gefährlich folch Treiben ift/ ohne daran zu denken, daß diefer Weg zu Sekte, Weltfremdheit und Weltfeindfchaft führen muß. Man vergelte nicht, daß letzten Endes die Dicke, mittelalterlicher Mauern es war, die das jüdifche Debäcle zu Beginn des vorigen Jahrhunderts verfchuldete. Ich kann nicht umhin, in diefer Tendenz, fich gegen die Umwelt <noch dazu die nächfte) heimetifch abzufchl'eßen, einen ähnlich gerichteten, urliebenswürdigen, fchrolfen, inquifitorifchen Geift zu erkennen, wie er in der Gefchichte ßets dort begegnet, wo irgend eine anfangs wertvolle und hochftehende Gemeinfchaft allmählich unter, der erftickenden Gewalt des Dogmas erftarrt. Und fchließlich ift es nicht weit her mit der Sicherheit einer Idee oder einer Gemeinlchaft, die der künftlich errichteten Mauern bedarf, um fich gegen Gefahren zu ßhützen. Ein anderes Axiom, das in diefem Kampfe proklamiert wurde und viel Unheil angerichtet hat, iß dies: »Wo der Zionismus anfängt, hört die Bundesbrüderlichkeit auf!« Diefe denkwürdigen Worte find zum erften Male im K. Z. V. gelegentlich der Mifchehendebatte geprägt worden,- fie haben fich felbft gerichtet, nachdem diefelbe Seite erklärt, Milchehe und Zionismus feien wohl verträglich, denn Pelz fagt wörtlich: »Die zioniftifche Partei als folche kann von ihren einzelnen Mitgliedern nur das Bekenntnis zum Parteiprogramm und die Erfüllung desfelben verlangen. Zum Ausschluß kann, wie in jeder Partei, nur ein grober Verftoß gegen das