Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 3 (August 1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Arfoforoff, Nationale Autonomie und Zionismus* wohnen, Collen die öffentlichen Unterrichtsanftalten derart eingerichtet fein, daß oßne Anwendung eines Zwanges zur Erfernung einer zweiten Landesfpracße jeder diefer Volksftämme die erforaerlicheni Mittel zur Ausbildung in feiner Sprache erhält.« Was das für ein bodenftändiges Volk bedeutet, iß ohne weiteres einleuchtend. Es bedeutet die Schaffung jener Mafle als Trägerin eines Sprachtums, die, ohne andere Sprachen genügend zu beherrfchen, alle geiftigen Bedürfnifle in der eigenen Sprache befriedigt, als felbftändiger ökono* mifcher Organismus befriedigen kann, und fo den für eine Kultur notwendigen Resonanzboden bildet. Und grade den grundlegendem Schriften der Autonomißen Bauer und Renner verdanken wir die: Erkenntnis, welche Beziehungen zwifchen Kultur und fozialer Struktur eines Volkes beßehen, welche Bedeutung die foziale Ein* heitlichkeit/ Selbfiändigk'eit grade für die »gelchichtslofen und unterdrückten Nationalitäten« befitzt. Wir aber haben im Galuth nicht einmal ein Gebiet, das man als Kerngebiet des Sprachtums aus* fprechen könnte, von ökonomischer Gelchloflenheit fchon garnicht zu. reden. Das eben trifft ja das Wefen des Unheils unferer Gebannt* heit, daß wir ein Städtervolk find. Das jüdifche Volk des Galuth; hat die Erde verlaflen. Die Juden find in dei; Mafle Proletarier,. Handwerker, Kleinhändler der Städte, in denen fie fogar öfters, Majoritäten bilden, aber eingefprengt in Blöcke fremder Kulturkreife,-, von denen fie abhängig bleiben. Ein ruthenifcher, böhmifcher, pol* nifcher Bauer, Handwerker, Arbeiter kann in feiner Volksfprache Genüge finden, und darin liegt ihre Kulturkraft begründet. Eini Jude aber, der in der Schule feine eigene, draußen im Leben fremde Sprachen fprechen muß, fprechen wird, wird ftets ein halber, zer* riffener Menfch bleiben. Ein Widerfpruch zwifchen Schule und Markt, zwifchen Haus und Welt muß zu moralilchen und ökono* mifchen Konflikten führen, denen die jüdifche Mafle zu entgeheni fliehen wird. Das ift jedoch nur auf zwei Arten möglich. Es kann ge* fchehen durch »eine Umgeftaltung der wirtfehaftlichen Grundlagen: der Volksexifienz, durch innere Umfchichtung, die Gewinnung der verlorenen agrarifchen Unterlage, auf der fich eine normalgegliederte Wirtlchaftsgemeinfchaft aufbaut, in der den arbeitenden jüdifchen» MalTen der Zutritt zu allen Zweigen der Erzeugung und die unge* hemmte Entfaltung der Produktivkräfte gefiebert find«*). Was im Galuth unmöglich erfcheint. Dann bleibt nur der zweite Weg übrig: die jüdifchen Mafien verfuchen, fich die Fähigkeiten anzueignen, die es ihnen ermöglichen, im Konkurrenzkampf ihrer Umwelt erfolg* reich Anteil zu nehmen. Dafür iß conditio sine qua non, daß fie Staats- und Landesfprache, vor allem die letztere, beherrfchen, um überhaupt mit ihren anders*nationalen Mitbürgern in Verbindung treten zu können. Stellt man nun dem ja bekannten, gerühmteni *) Denkfchrift der Poale Zion an die Internationale, Haag 1917, S. 36.