Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 3 (August 1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827071--0166-2827265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
152 Arfoforoff, Nationale Autonomie und Zionismus Von vornherein iß verftändlich, das von einer territorial autonomen Löfung der Judenfrage im Galuth keine Rede fein kann. Das jüdifdie Volk ift in weit höherem Maße als alle anderen fporadifch über die ganze Welt zerftreut. Ja, nicht einmal ein noch fo kleines Territorium gibt es, wo die Juden eine Mehrheit bildeten. Wo es Teile des jüdifchen Volkes auf der Erde gibt, (teilen fie nationale Minoritäten dar. Daraus folgt ganz unzweideutig, daß es auf viele Rechte, die andere Völker, die autochthon unter einer fremden Staatsrögierung leben, mit Recht in Anfpruch nehmen, Ver* zieht leiften muß. Unmöglich ift es, daß ein moderner Staat das jüdifche Recht in feinen Grenzen gelten ließe,- unmöglich ift es auch, zu verlangen, die Mehrzahl der Beamten oder die Amtsfprache der öffentlichen Behörden folle jüdifch^national fein, wo die jüdifche Nation eine Minderheit ift. Die Erfolge einer Politik, die nicht einmal fo Weitgehendes erftrebte, zeigen fich fchon jetzt in der Ver* waltung der polnifchen Städte. Unfere allerhöchfte Forderung könnte darauf gehen, daß in Gebieten mit hochprozentiger jüdifcher Be» völkerung auch jüdifche Beamte angeftellt und jüdifche Sprache aueß verftanden und anerkannt würde. Damit jedoch fielen zugleich die Finanzhoheitsrechte der autonomen Nation fort, die zum großen Teil die Budgets der Juftiz und Kommunalverwaltung decken Tollten, und es bliebe nur das Recht auf kulturelle Selbftverwaltung, das ift in erfter Linie auch ein eigenes Schulwerk mit der dazu notwendigen Befteuerungsmöglichkeit der Mitglieder der Nationsgemeinfchaft, die ja auch jetzt, und felbft in Deutfchland zum Teil, beliehen. Aber hier gerade droht ein neues, brennendes jüdifches Pro^ blem und wandelt Hoffnungen in Befürchtungen. Diefes Schulwerk der Zukunft nämlich ift Ichon heute gefährdet durch einen Kampf, der eben in der fortgefchrittenen Atomifierung des jüdifchen Volkse ganzen, im Fehlen eines einheitlich zentral wirkenden kulturellen Kerngebiets feinen tiefften Grund hat, einen Kampf, den nur die Zeit und der in der Zeit reifende Wille wird beenden können, ich meine den Streit um die Krone zwifchen dem Hebräilchen und dem Jiddilchen. Zwar bin ich mit Achad^Haam der Anficht, daß der ganze Kampf, der in den letzten Jahren fo »erregte Auseinander^ fetzungen verurfacht hat, eher zum Thema eines fchönen Feuilletons geeignet«*) wäre — ift es doch eben fo wunderlich wie tragU komifch, daß ein dreitaufend Jahre altes Volk, das im Verlauf feines gelchichtfichen Lebens fo viele und fo hohe geiftige Werte hervorge^ bracht hat, fich nicht darüber im klaren ift, welches eigentlich feine eigene, nationale Sprache ift. Aber die Autonomieforderung drängt zu entfeheidender Erörterung. Das jüdifche Volk hat in der Dauer des Galuth mehrere Jargons, d. h. Mifchfprachen feiner eigenen mit anderen hervorge^ bracht, die eigentümliche Mundart für große Teile des Volkes waren *> Achad Haam, Am Sdieidewege, Bd. II S. 156 ff.