Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1918-06-01 · Heft 2 (Juni 1918) · page 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 2 (Juni 1918)
Date
1918-06-01
Page
– (sequence 72)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/2827066-2827067-2827070--0149-2827247
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

'140 R.J;V.*er*FeldbrK# Ich glaube, Du kannft aus meinen* kurzen Schilderungen erfehen, daß die. jüdifchen VerhältnhTe in Efthland nicht wefentlich anders *- nur für uns gün* ftiger — liegen als in Deutfchland. Eine noch gut jüdifche ältere Generation, eine alfimilierte Jugend, die gar nicht hebräifch und faft gar nicht jüdifch fpricht. Nach meiner Überzeugung müflen wir unfer Syftem der Jugend* arbeit auch hierher übertragen. Zu* nächft, was uns am meiften angeht, werden wir, wenn in Dorpat. wieder die Univerfität eröffnet wird, auch dort eine Korporation nach unferem Mufter auf* machen müflen. Wir werden damit rechnen können, daß die Dorpater Stu* denten in Zukunft vorwiegend aus dem Baltenland und nicht mehr aus dem fonftigen Rußland herftammen werden. Für die baltifch* jüdifchen Studenten ift aber die Organifationsform des Hechawer meines Erachtens viel zu lofe. Dazu find diefe jungen Leute viel zu wenig jüdifch. fundiert. Auch für fie muß eine enge Gemeinfchaft mit ftraffer Disziplin und zielbewußtem Erziehungsprogramm gefchaffen werden. Ob freilich die un* bedingte Satisfaktion und der Kneip* komment diefen Jungens eingehen wird, kann ich nicht entfcheiden. Die Keil* erfolge werden in Efthland, wie ich be* ftimmt hoffe, qualitativ und quantitativ gut fein. Daneben ift fowohl für Dorpat, Reval, Narwa, Wefenberg und vielleicht noch einige andere Städte die Gründung von Wanderbünden ins Auge zu faflen: für die größeren Städte kämen auch Sport* und Turnvereine in Betracht. - Unbedingt notwendig find für Dorpat, Reval und Narwa hebräifche Kinder* gärten. Für die hebräifche Sprache ift vorläufig, noch fehr wenig getan. Es fehlt vor allem an geeigneten - Lehrern/ fobald erft ein freierer Verkehr im be* fetzten Gebiet möglich ift, wird man foldhe aus Litauen heranziehen können. Neue Intereflen* und neue Arbeits* gebiete find uns in Efthland erfchloflen. Hoffentlich können wir recht bald mit der Arbeit beginnen. Saffi Hitfcß Dünaburg, den 6. Mai 1918. Wer am 18. Februar noch gegen 11 Uhr vormittags das Leben zwifchen den beiderfeitigen Stellungen an der Oßfront fah, mußte den Eindruck er* halten, hier herrfche tiefer Frieden. Lebhafter Handel, Taufchgefchäfte, ve** traulicher Verkehr zwifchen deutschen und ruffifchen Soldaten. Und um 12 Um* verkündete an unferm Abfthnitt ein* Kanonenfdbuß, daß nunmehr der Waffen* ftillftandsvertrag zwifchen Rußland ünc£ den Mittelmächten ablaufe. Es war wieder Krieg. Aber die vorftürmende deutfche Jnfanterie fand fchon die ruflV fchen Stellungen verlaflen vor. Der unblutige Vormarfch begann.; Mich brachte er gleich nach Düna* bürg. Bisher dauernd in Litauen, * war ich fehr begierig, diefe doch fchon recht rulfifche Stadt kennen zu lernen. Utid da ich allgemeinen InterefTes für hiefige- Zuftände gewiß bin, will ich Euch einiges darüber berichten. Wir kamen abends an, bei Hunde* kälte. Trotz unferer erheblichen Müdig*' keit feflelte uns der Anblick des Abend* lebens. Ein buntes Gewimmel auf den fchwach beleuchteten Straßen. Be* fonders fallen die eleganten ruffifchen Offiziere auf, nun wieder im vollen Schmuck ihrer Abzeichen und Orden; am Arme die zierlichen Modepüppchen; in einer Wolke aufdringlichen Parfüms. Daneben die anderen Typen, der Gyni* nafiaft in feiner fchwarzen, grün hzfetzten Uniform, der Kaufmann in der Wollmütze, der Feuerwehrmann mitdem fdiweren Melfinghelm, ja unterbekannter »Panje«. An den Kinök fchreien die Jungens das Programm aus. Dazwifchen jagen die Schlitten und die deutfchen Autos. Ab und zu ver* urfachen die allzubedächtigen Kolonnen* wagen eine Verkehrsftörung. Das rulfifche Oberkommando der V. Armee fanden wir verfammelt vor,- die Herren rauchten ihre Zigaretten und waren^ noch im Begriffe, <mit welchen Trup* pen?!> zu telefonieren — in völliger Verkennung ihrer Lage. Die Stadt, regelmäßig in Rechtecken aufgebaut,- wie etwa Männheim, bietet wenig Be* merkenswertes. Die Denkwürdigketten find die Preife. Zu Anfang koftete ein Pfund Brot 3—4 Mark,- ein Pfund Zucker 15 Mark, ein Pfund Äpfel 10 Mark, einmal Rafieren 2.50 Mark, ein Paar Stiefel 400-500 Mark, ein Nachtlogis im Hotel 20 lylark. Allmählich find die Preife etwas ge* funken, hat überhaupt das ganze Lebenein anderes Gepräge erhalten. Zu* nächft verbot die deutfche Behörde-das Betreten der Straßen nach 7 Uhr abends.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.