Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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KJ.V^-FefdMefe zioniftifch, zum Teil bundiftifch orientiert, zum Teil uninterelftert. Diefe Städte Efthlands haben nicht folch ftark pul* fierendes jüdifches Leben aufzuweifen wie die »jüdifchen Städte«. Aber da fie erß viel fpäter von den Deutfchen befetzt worden find, find fie um ein ftarkes iüdifches Erjebnis reicher, um die Wahlen zum allgemeinen jüdifchen Kongreß Rußlands oder, wie man es hier nennt, zur »alljüdifchen Zufammenfahr«. Diefe Wahlen ^nSen überall, unter ftarker Anteilnahme der jüdifchen Bevölkerung vor fich. Zahlreiche, zum Teil farbige Wahlplakate, Aufrufe, Programmfchriften, Stimmzettel zeigten, daß der Wahlkampf mit allen Mitteln geführt worden ilt. In ganz Efthland liegte die zioniftifche Lifte,- als zweit- .ftäfkfte Partei erwiefen fich die Nezach Jsrael, die in Dorpat fogar die Majorität erlangten. Das ift natürlich Zufall. Die Partei der Nezadi Israel bilden orthodoxe Zioniften, die nach dem letzten Delegiertentag der rulTifchen Zioniften aus der Partei ausgefchieden find, und zwar aus Anlaß des An* träges Grünbaum, der die Verweltlichung der Gemeinden forderte. In Dorpat ift der Rabbiner <ein Flüchtling aus dem Gouvernement Suwalki) Anhänger der Nezach Israel, und daher der Wahlerfolg diefer Partei. Denn — ich glaube, ich habe es Dir fchon einmal perfönlich gefagt — weltlichen Maßftab darf man an die Zioniften hier nicht legen. Die ältere Generation ilt inftinktiv und felbftverftändlich national, fie nimmt liebevolles Interefle an Erez Jsrael, wünfcht deflen Aufbau und hofft, felbft das Land der Väter nodi einmal fehen zu können, aber parteipolitisch find fie nicht fo gefchult wie die Weftler. Tritt daher die autoritative Perfönlich* keit der Gemeinde für die Nezach Israel ein, die ja auch national und auch für Erez Israel find, fo folgen fie ihr. Dabei hat es auch den Zioniften in Dorpat nicht an gewandten Führern gefehlt, die fich zum Teil auch wieder aus den Flüchtlingen rekrutieren. Die allgemeinen Verhältnifle liegen in Reval ebenfo wie in Dorpat. Die alte Generation gut jüdifch, aus jüdifchem Milieu ftammend, die junge Generation mehr oder weniger alfimiliert. Es fehlt die Studentenfchaft, •es fehlen die Flüchtlinge, da man das Hineinftrömen von Juden nach der wich- 139 tigen Seefeite auch in der Kriegszeit möglich/t verhindert hat. Hier haben bei den Wahlen zur alljüdifchen 2tifammenfahr die Zioniften mit großer Majorität gefiegt. Denn der Zioniftenführer, ein junger energifcher Fabrikdirektor aus einer großen zioniftifchen Familie, ift die bei weitem aktivfte und lebendigfte Persönlichkeit der jüdifchen Gemeinde, Ihm ift auch die Gründung eines jüdifchen Jugend Vereins zuzufchreiben, der vor kurzem ins Leben gerufen ift. Aber diefer Jugendverein fteckt noch in den Kinderfchuhen feiner Entwicklung. Er ift vorläufig über allfonntägliche Zufammenkünfte mit Referaten <über Bialik, jüdifche Mufik, unfere nationale Sprache), die natürlich alle in ruflifcher Sprache gehalten werden, nicht hinausgekommen. Von den fonftigen jüdifchen Vereinen der. Stadt nenne ich noch den »Jüdifchen Literarifchen Verein Ch. N. Bialik«. Der Name ift wohlklingend, aber die Sache ift nicht ganz fo gut. Der Verein befteht faft vorwiegend aus Bundiften und unterhält ein jüdifches Theater, in dem Schmierenfchaufpieler und Liebhaber jüdifche Schaufpiele niedrigfter Sorte aufführen, wie die »weiße Sklavin«, der »wilde Menfch«. Und ein gut angezogenes, den belferen Ständen angehörendes, fich gebildet vorkommendes Publikum hört fich das an und nimmt auch kleine Kinder in dies Theater mit. Auch in Narwa liegen die jüdifchen VerhältnilTe ähnlich. Führer der Zioniften ift hier ein während des Krieges aus Suwalki zugezogener Arzt. Im übrigen hat diefe Stadt fchon einen ftark rüfli* fchen Charakter und bietet viel intereflante Eindrücke <alte Schwedenfefte, alte RulTenburg, beide nur durch die fchäumende Narwa getrennt,- große Waflerfälle, denen Rußlands größte Tuchfabrik, Krenholm, ihrey Entftehung verdankt). Die jüdifchen VerhältnilTe in Efthland werden bald für uns von praktifchem Interefle fein. Höchftwahrfcheinlich werden fich nach endgültigem Frieden die politifchen Verhältnifle fo geftalten, daß die Juden Efthlands genötigt find, in Zukunft bei den deutfchen Juden Anfchluß zu fuchen und nicht mehr bei den ruflifchen <trotzdem Narwa fozufagen vor den Toren Petersburgs liegt). Wir werden daher die Juden Efthlands in unfer Intereflengebiet einbez iehen mülten