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Der jüdische Wille · 1918-06-01 · Heft 2 (Juni 1918) · page 70

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 2 (Juni 1918)
Date
1918-06-01
Page
– (sequence 70)
Language
German
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iä K. J.V.*er*Feldbriefe mal ^Gelegenheit, feine eigenen Anflehten dadurch, . daß man fie äußern könnte, wefentlich zu klären. So war es nicht erftaunlich, daß fich an Rofenbaums Referat eine längere Disküflfion an« knüpfte. Es würde zu weit führen, ihren Gang im einzelnen zu fchildern. Die wefentlichften Punkte waren die : ob es für den Zionismus günftiger fei, daß Paläftina unter englifche oder tür* kifche Oberhoheit komme, und ferner wurde das ja auch in Berlin kürzlich diskutierte Problem erörtert, in Palältina einen ethifch gerechten, fozial gänzlich von den bisherigen Staatsgebilden unter* fchiedlichen Staat zu errichten, in dem der Kapitalismus nicht die Rolle fpielen Tolle wie in den augenblicklich vor* handenen Staaten. — Nach dem Gottes* dienft und Seder des zweiten Abends, dem wir bis zum Schlufle beiwohnten, blieben wir noch mit einigen Gelinnungs* genoflen zufammen, und zogen uns dann wieder zu Laufer zurück, der für neuen Wein geforgt hatte. Am zweiten'Feier* tage fuhren die meiften Bundesbriider wieder ab,- wir wenigen, die noch in Ch. geblieben waren, hielten uns des fchlechten Wetters halber den größten Teil des Tages bei Bbr. Laufer auf, am Abend waren wir die Gälte von Bbr. Loewenberg. Bei der Trennung hatten alle das Gefühl, nun den Krieg wieder einige Wochen aushalten zu können, wir hatten ja »unfere« Luft gehamltert. Hoffentlich geht der Krieg aber fo fchnell zu Ende, daß wir unferen Vorrat an aufgefpeicherter jüdifcher Stirn* mung und Kartell*Luft gar nicht mehr völlig gebrauchen können. Ich möchte meinen Bericht nicht fchließen, ohne den in Charleville anfäffigen Bundesbrüdern, befonders unferem lieben Laufer, den herzlichlten Dank für die bundesbrüder* liehe Liebe abzuftatten, der wir es in erfter Linie mit zu verdanken haben, daß wir in Charleville fo angenehme Peflachtage verleben durften. 4 John Levy Reval, im Mai 1918 ... Ich foll Dir meine Eindrücke in Reval fchildern. Gern! Zunächft.aUb auch einige Worte über Dorpat, durch das mich meine Reife bei Rückkehr vom Urlaub führte. Dorpat foll von irgend jemand als das »nordifche Heidelberg«, bezeichnet worden fein. Nun, es mag im Sommer dort fehr fchon fein, wenn. tfie Straßen fauber, die Bäume belaubt und der Dornberg, die Attraktion der Stadt, in fommerlieher Schönheit lief* darbietet. Aber auch dann wird der Dornberg wohl kaum einen Vergleich mit dem Heidelberger Sdiloßberg, das. Embachtal aber ficher nicht mit den* Neckartal aushalten. Ich fah Dorpat nur im fchmutzigen Grau des Vor* frühlings, der fieh hier recht lange hin* zieht. Die Univerfität ift, wie bekannt,, vorläufig nodi gefchioflen. Als ich hin« kam, war ein großer Teil der Studenten«^ fchaft fchon fort,, ein anderer Teil rüftete: fich zur Abfahrt. Immerhin lernte ich* noch einige tätige Mitglieder des. Hechawer kennen und wurde durch fie auch fchnell in die anderen zioniftifchen, Kreife eingeführt./ Das jüdifche und zioniltifche Leben Dorpats ift fehr ftark von der dortigenStudentenfchaft beeinflußt worden, und dank der Studentenfchaft galt Dorpat im ganzen Baltenland als das Zentrum der jungen jüdifchen In* telligenz. Ich habe hiervon nur nochwenig gefpürt/ der Hechawer^ der etwa fünfzig Mitglieder zählte, hatte feine Tätigkeit fchon eingeteilt. Außer von den Studenten erhielt das jüdifche Leben Dorpats in der Kriegszeit fein» Gepräge von den jüdifchen Flüchtlingen aus Litauen und Kurland. Diefe Flüchtlinge, die zum größten Teil aus einem viel jüdifcheren Milieu Itammten,, als- Dorpat es bietet,, gaben dem jüdifchen Leben in Dorpat neuen Schwung, Die Städte Elthlands, von denen ich Dorpat,. Reval,. Narwa und einige kleinere kenne, find keine jüdifchen Städte wie etwa Kowno, Wilna und in gewifler Hinficht noch Riga. Das jüdifche Ele* -ment ilt einmal quantitativ nicht fo ftarkr aber auch fchon affimilierter. Es ilt zu berückfichtigen, daß die Städte Elthlandsnicht zum Anfiedlungsrayon gehörten,- die Juden wohnten alfo nur contra legem dort. Daher gibts in der älteren Generation kaum eingeborene Juden.. Fall alle find fie aus Litauen oder Kur* land zugewandert, allerdings fchon vor dreißig bis vierzig Jahren. Diefe ältere eingewanderte Generation ilt noch gut jüdifch,, nennt fich fall durchweg Zionilten,* in faß allen Häufern findet man ein Herzl*Bild und ein Bild mit den Photo* graphien der Teilnehmer des erften Kongrefles. Die junge Generation ift ftark alTimiliert, hat rulTifche Schulen be^ facht,, fpricht nur ruflilch, ift zum Teil

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