Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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K.J.V.-er-Feldbriefe 137 Ich nahm mir alfo die Zloczower Jugend, etwa 20 Jungen und 10 Mädchen zufammen und hielt ihnen einen Vortrag über organifatorifche Arbeit. Es wurden N.~F. Büchfen verteilt, Friedensfehecks gefammelt etc. Am 19. Januar wollte ich in der Synagoge einen Vortrag halten. Dies wurde aber leider durch unferen Abtransport verhindert. -* Ich weiß,daß ich nach dem vierwöchentliehen Aufenthalt in Zloczqw kein Recht habe, mir ein Urteil zu erlauben. Befonders auch, da meine Erfahrungen ficher nicht zu verallgemeinern find. Aber das eine glaube ich doch gefehen zu haben, daß wir Westjuden den Anfchluß finden können: einfach durch unferen glühenden Willen, Juden zu fein. Und das gibt mir eine gewilfe Beruhigung. Mit den herzlidilten Grüßen bin ich Euer Georg Woffftein Charleville, im April 1918 Es ift ja Euch wohl bekannt, daß eine der zur Zeit bellen Kartellverbindungen die offiziell nicht anerkannte Kriegs-K. V. Charleville ift. Trotz der wenigen Tage, an denen fie blüht und gedeiht, nimmt fie es mit den offiziell anerkannten, durch den Krieg fchlummernden Kartell - Verbindungen in Deutfchland auf. Glanztage erlebte nun diefe K. V. anläßlich des Pelfachfeftes. Ihre Korona beftand in diefen Tagen aus fechzehn .Bundesbrüdern ~~ Füxen, Burfchen, Inaktiven und Alten Herren — einem Keilfuxen und einigen befreundeten Gefinnungsgenoflen. Die meiften Bundesbrüder kamen von weit her —■ ich hatte z. B. eine Reife von über sechs Stunden — und trafen fich im Laufe des 27. in den Straßen Charlevilles. Eine gewifle Aehnlichkejt mit dem Eintreffen zu den Kartelltagen in Friedens* zeiten ließ fich feftftellen. Unwillkürlich lief man oft laut pfeifend und meiftens nicht erfolglos pfeifend am Bahnhof vorbei. Der Seder wurde von einem Rabbinerftudenten gegeben, da der Rabbiner in näher zur Front gelegenen Orten die Gottesdienfte abhielt. Der Seder felbft mußte natürlich enttäufchen, die Hagadah wurde monoton herunter* geleiert, man, faß zu ungefähr 200 Juden in einem großen Saal vor nackten Tifchen. Der einzige Lichtpunkt war das Herumreichen von Mazzoth als Sedermahlzeiterfatz.* Wir brachen vor Beginn des zweiten Teiles auf tfnd begaben uns tu Bbr. Laufer, der eine" als Treffpunkt an der Weltfront recht geeignete Wohnung Befitzt. Wir waren hier äußerft harmonifch bis nach 2 Uhr morgens zufammen. Wir vertilgten größere WeinmalTeri. Laufer lieferte ferner Mazzoth und Kuchen. Zigaretten fanden in größeren Poften zur Verfügung. Da Laufer auch Eigentümer eines guten Klaviers war, fo begannen wir bald unfere diverfen Bundeslieder — es waren Vertreter der Hasmonaea und Maccabaea anwefend — und all die andern fchönen Lieder zu fingen, die die meiften im ganzen Kriege noch nicht wieder gefungen hatten. Bbr. Reinhold Cohn fang mehrere hebräifche Lieder. Unmerklich glitten wir nach und nach in die Fidulität hinüber es war nämlich eine modernifierte Kneipe, bei der die einzelnen Teile nicht fo kraß getrennt waren wie in Friedenszeiten. Zum Schluß fang Kurt Rofenbaum das Lied der Poale Zion und anfchließend daran fangen wir gemein* fam die Hatikwah. Es waren die fchönlten Stunden, die ich in diefem Kriege gemeinfam mit Bundesbrüdern verlebt habe, es war überhaupt eine der fchönlten Veranftaltungen, die ich im Kartell mitgemacht habe, und ich habe eine ganze Anzahl mitgemacht, weil über dem Ganzen der wahre jüdifche Geift und innerlich empfundene und betätigte Bundesbrüderlichkeit fchwebte. Und doch, man konnte nicht fo reftlos glücklich fein wie auf Veranftaltungen in Friedenszeiten/ die Gedanken weilten immer wieder bei denen, die nie wieder mit uns vereint arbeiten und feiern können. Wir gedachten diefer Bundesbrüder durch eine Sammlung für den Jüdifchen Nationalfonds. Den ganzen nächften Tag waren wir Bundesbrüder ununterbrochen zufammen- Wir aßen gemeinfam und gingen anfchließend in eine Konditorei. Dort hielt Kurt Rofenbaum ein ausführliches Referat über die poHtifche Lage des Zionismus nebft Ausblicken in die Zu* kunft. Wenn auch der Inhalt der Aus* führungen den meiften Bundesbrüdern vertraut war, fo war es doch jedem fehr lieb, einmal ein zufammenhängendes Bild von der derzeitigen Gefamtlage zu erhalten, und was den meiften wohl das Angenehmfte war, man hatte ein-