Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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136 K. J. V.~er~Feldbriefe Galizien, den 1. März 1918 Meine galizifchen Eindrüdce möchte ich Euch nun in einem zweiten Briefe fchildern und will midi von vornherein dagegen verwahren, dafr man mich für inkonfequent halte, Meine Eindrücke haben fich gegenüber dem erften nach den erften acht Tagen meines Zloczower Aufenthalts gefchriebenen Briefe gewaltig geändert, aber das lag ~ doch laßt mich lieber erzählen. Rabbi Kellner, den Ihr ja aus meinem erften Briefe kennt, war mir ein treuer Führer bei meinen Verfluchen, mit der Zloczower Judenfchaft zufammenzu^ kommen, die jedoch ziemlich ergebnislos verliefen. Die Zloczower Judenfchaft ift eben fehr affimiliert. Durch ihn lernte ich dann einen öfterreichifchen Fähnrich kennen, der mit einer Zloczower Jüdin verlobt war. Stellt Euch meine freudige Überrafchung vor, als ich eines Tages in altjüdifcher herzlicher Weife zur Hoch~ zeit eingeladen wurde. Ich ging hin. Die Trauung war nach altem Ritus, der Rabbiner fprach fehr laut und fehr lange, erft ungarifch, dann deutfch. Es waren etwa 120 Perfonen da und zwar etwa zu ein Drittel Juden, ein Drittel Polen (Bürgermeifter, Landrichter, GymnafiaU direkter, ProfelToren etc.) und ein Drittel Offiziere, die Vorgefetzten des Bräu» tigams. Nach der Trauung ging man eine Treppe höher in die Gefelllchaftsräume, wo Kaffee, Kuchen, Torten, Gebäck, Obft, Wein, Kognak, Zigarren, Zigaretten in einer Menge und Güte gereicht wurden, die buchftäblich jedes Maß deflen, was man bei uns bei gleichen Anläflen im Frieden gewohnt ift, bei weitem überfteigt. Gegen fechs Uhr hatten fich die ungeladenen Gälte allmählich ver~ abfchiedet, und es begann das Nachtmahl, an dem noch etwa 60— 80 Perfonen teilnahmen. Ich will es mir, der ich zur Zeit im dürftigen Unterstand bei Reims fitze, und Euch im ausgehungerten Berlin erfparen, die GenülTe diefes Mahles aufzuzählen. Aber was mich bedrückte, war, daß es eben nur leibliche QejtüHe waren, die geboten wurden. Es wurden viel Reden gehalten, in keiner einzigen aber wurde des Juden* tums erwähnt. Eines Teils wohl wegen des gemifchten Charakters diefer TafeU runde, andernteils aber vielleicht auch, weil ihnen das Judentum eben etwas Selbftverftändliches ift trotz ihrer »Affi* milation«, die fich mit unferer doch überhaupt nicht vergleichen läßt. Wir hatten eine kleine Ecke gebildet:, zwei junge Zioniftinnen, ein k. u. k- Oberleutnant, nicht Zionift, aber »guter Jude« und ich. Nachdem ich mich der Zuftimmung diefes Kreifes verfichert hatte, vergewiflerte ich mich, daß audn der junge Ehemann nichts gegen eine. N. F.-Sammlung einzuwenden hatte.- Nun gab ich mir einen Ruck, klopfte an mein Glas und ftand. Wie ich fo da ftand, war mir erbärmlich zu Mute.. Ich, der Affimilant, in den Augen dieser Juden ein Goj, unternahm es, im Kreife der Menfchen, denen das Judentum etwas ganz Anderes ift als uns, etwas mit der Muttermilch Eingefogenes, vom jüdifchen Volke zu fprechen. Ich wollte in die Erde finken vor Scham, weil e& mir zu abfurd vorkam. Doch dann fprach ich. Wie lange ich gefprochen, weiß ich nicht. Jedenfalls weit länger als im Rahmen einer Tifchrede üblich. Aber das weiß ich, daß ich noch nie fo gut gefprochen habe und auch wohl nie wieder fo fprechen werde. Ich fieberte vor Erregung, als ich von den Leiden und unfagbaren Qualen unferes Volkes fprach und von den Hoffnungen, die es auf den Friedens* fchluß fetzt. Als ich geendet hatte, weil ich einfach nicht mehr fprechen konnte, ftanden der. ganzen Hochzeitsgefellfchaft helle Tränen in den Augen. Die Nationalfonds-Sammlung ergab 212 Kronen. Von diefem Moment an hat fich das Bild, das ich von den Zloczower Juden bisher erhalten hatte, vollkommen geändert. Jetzt war ich nicht mehr der deutfche Leutnant für fie, fondern ich war der Jude, dem fie fich hingeben und freundlich zeigen durften. Ich konnte mich vor Einladungen nicht mehr retten und war wohl jeden zweiten Tag nachmittags und abends in einer anderen Familie zu Gaft. Dabei kam ich hinter Mißftände, die ich zu befeitigen befchloß. Das zioniftilche Leben ftagnierte voll« kommen. Ein Beispiel: Ich hatte mich mit einer jungen Zioniftin verabredet, um das gefammelte N. F.«Geld dem Vorfitzenden der Ortsgruppe, Herrn Dr. Hirlchkorn, zu übergeben. In feiner Wohnung angekommen, erfuhren wir, daß er feit acht Monaten eingezogea war. Man hatte es nicht gemerkt