Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Aus Briefen des gefallenen K.J.V.*ers F friß von einem Jahr, die für Briefe bei mir fchon die ftändige Praxis geworden ift, wird demnächft abgelaufen fein. Darum gebe ich mir einen Ruck und zücke die Feder, — zumal da ich gerade in diefen Tagen ausnahmsweife Zeit habe. Idh bin nämlich bei einer Kammer für Handelsfachen und da gibts wenig zu tun. Freilich — ein Bedürfnis zu diefem Brief habe ich, offen gefianden, ebenfowenig wie zu irgend einem anderen, und das iß ge^ wiß begreiflich: ich bin durchaus unfähig, midi auf dem Papier zu exhibitionieren. Größer iß fchon mein Bedürfnis, mal was von Dir zu hören, mal wieder einen Deiner lieben, langen und forgfältigen Schreibebriefe zu bekommen. Am liebfien wäre es mir aber, wir könnten mal wieder irgendwo zufammenfein — vielleicht arran* gieren wir mal im Sommer einen Leibfamilientag. Weißt Du, das Briefefchreiben iß doch ein recht künfilicher Gedankenaustauich. Nur fehr produktive Menfchen haben eigentlich ein Anrecht darauf, weil für fie wirklich ein Bedürfnis beßehen kann, den Überfluß ihrer Gedanken aufs Papier auszufirömen. Aber ich muß geßehen, daß meine Briefe immer nur »mit Drucke werk und Röhren« zufiande kommen. Und einfach einen Katalog äußerer Gefchehnifle zu geben, iß ja finnlos und armfelig. Mehr zu geben, vermag ich aber höchfiens in unmittelbarer Wirkung von Aug zu Auge, von Angefleht zu Angefleht. In den technifchen Schwierigkeiten eines Briefes verfickert der ohnedies fchwache Strom. Dein »letzter« Brief — vom Mai 1913 — enthält, wie ich fehe, im wefentlichen eine Kritik meines damals im J, St erschienenen Elaborates. Sie hat mir damals viel zu denken gegeben, weil fie mir berechtigt fchien und das ausfprach, was ich felbfi fchon empfunden hatte. Ich hatte felbfi ßhon bei der Niederlchrift des Auffatzes — empfunden, daß der von mir vertretene Standpunkt (des paffiven Individualismus) höchfi angreifbar, ja tadelnswert fei. Das fagte meine Reflexion zu meinem Gefühl. Mit dem Gefühl bin ich immer noch Romantiker, aber Selbfizucht und Überlegung bringen auch gerade entgegengefetzte Seiten meines Wefens zur Entfaltung. Ein ganz gefunder Selektionsprozeß. In jüdifcher Beziehung nähere ich mich übrigens dem AlU judentum — jedenfalls lefe ich mit Genugtuung die »Freifiatt«. Da gibts wenigfiens noch Probleme die Parteipreffe ifi ja eine trifte Sandwüfie. Mit der Jurisprudenz lebe ich in leidlich erträglicher Con^ venienzehe. Die anliegende Diflertation ftammt noch aus unferer Brautfchaft, als ich einen Notzuchtsakt an ihr vornahm und diefen Bafiard meines Geifies mit diefer dürren Sphinx zeugte. Inter^ effieren wird Dich vielleicht die Polemik gegen Zitelmann* *> Die Doktorarbeit ift ein Teil einer wertvollen Abhandlung aus dem Gebiet des internationalen Privatrechts, die von der juriftifdien Fakultät der Kieler Univerfität preisgekrönt und in einer namhaften juriftifdjen Zeitfchrift ver^ öffentlicht wurde. D. H.