Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827070--0137-2827235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
128 Aus Briefen des gefallenen K.J.V.^ers F <lrei Unmöglichkeiten für den Gent: Angst, Geiz und angeknöpfte Manfchetten. — Erzähle mir von Deiner Menfur. Ich bin lehr fiolz auf Dich als kühnen Kämpfer. - Kiel, 28. Oktober 1910 Man kann Zioniß fein, ohne dies bekannt, ja ohne dies fleh felbfi fchon mit Bewußtfein klar gemacht zu haben. Ebenfo wie man Atheift fein kann, ohne bereits bewußt und definitiv mit dem Glauben gebrochen zu haben. Denn es handelt fleh auch hier um eine Frage der fecelifchen Dispofition, nicht um eine Fräge des Intellekts. Zum Zionißen iß man gefchaffen, prädisponiert, vorausbeftimmt. Der Zionismus iß die notwendige Refultante aus Korn* ponenten feelifcher Art,- ich möchte faß fagen, daß ein gewilfer Adel der Seele, ein moralifcher Stolz das Wefentliche am Zionismus iß. Kleine Menfchen können keine Zionißen fein. Sie mögen der zionifiifchen Partei angehören und auch darin fleh betätigen,- aber diefer Zionismus hat mit dem Zionismus, den ich meine, jiichts zu tun. Mein Zionismus ist — Charakter, jüdifch determiniert,- edles Menichentum, unter den jüdifchen Nenner gebracht,- ftarke Gefinnung, Vornehmheit, gefärbt mit jüdifcher Empfindung. ... ... Übrigens ereignete fich etwas: A. H.....hatte zu feiner Hochzeit den V. J. St. Berlin eingeladen. Diefer fchickte feinen Wichs, und ich wurde dazu auserkoren, mit zwei Füxen hinzugehen und Tendenz zu reden. Ich gefialtete diefe Miffion zu «einer größeren Aktion, da außer dem Bräutigam und feinen wenigen Freunden die Gefellfchaft kraß affimilantifch war, ja zum Teil Christen, darunter Otto Ernfi, der Kammerfänger Göritz, unfer geifivollßer Schaufpieler Alex Otto etc. Ich redete bei Tische. Z., der auch da war, war entzückt, begeißert — was mich fehr ßolz machte ~- und benutzte die Gelegenheit, um gleich noch fiärker in diefelbe Kerbe zu fchlagen. Er redete fulminant. Der Effekt war frappierend. Die Gefellfchaft war geblufft, verdutzt, erfegt, entrüßet. So wirkte ich als Bombe und Ferment und bekam viel Schmeichelhaftes und Anzügliches zu hören. Otto Ernß ® Cie waren insbefondere in ihren teutfehen Verbrüderungsgefühlen verletzt. Otto Ernfi iß notabene ein feifier Philifier von unbedeutender Erlcheinung. . . . . . . Dies Bewußtfein fpielt überhaupt in meinen Empfindungen ei.ne ganz überragende Rolle und erklärt zum großen Teile meine Verfiimmtheit: das Bewußtfein meiner Mittelmäßigkeit. Ich bin mittelmäßig und doch fo mittelmäßig nicht, daß ich mir meiner Mittelmäßigkeit nicht bewußt fein follte. Ich habe einen kleinen Tropfen genialen Blutes — gerade fo viel, um zu empfinden, was Genie bedeutet. Aber in fo kleinen Dofen wirkt Genie als Gift und zerfetzend. Dies iß meine Situation: Meine geifiige Habe iß zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Zu viel, um Hinterzugehen, ein Philifier wie alle zu werden — zu wenig, um