Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827070--0135-2827233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
126 AUS BRIEFEN DES GEFALLENEN K. J. V^ers F.....*> Kiel, 1. November 1909. Nun hat geftern mein Repetitor begonnen, und icfi ßehe fdion mit beiden Füßen mitten drin, Und da kann idi mir nicht verhehlen, daß die feß geregelte und angeßrengte Tätigkeit einen Einfluß auf midi auszuüben beginnt, den ich beinahe wohltätig nennen könnte. Es iß nur eins, was midi bedrückt: das quälende Bewußtfein, daß dies doch nur der Anfang vom Ende iß, voä dem einerlei^grauen Ende, das fie Philißerium nennen. Nicht das -Philifterium fürchte ich, das dem forglos^heiteren Genießen ein Ziel fetzt. Ich habe Angfi, ein Philißer zu werden an Geiß und Ge^ müt, und fehe doch, daß es nicht anders fein kann. Wir kommen alle unters Rad, alles Sträuben hilft da nicht. Lieber uns alle geht es, nivellierend und niedermalmend. Wir leben in einer demo> kratifchen Zeit," die einen jeden in die Maße hinabdrüdtt. Das foziale Getriebe zieht einen jeden mit und fchleift ihn gründlich ab, damit er hinein paßt. Und ich möchte doch nicht fo werden wie fie alle. Kaum habe ich begonnen, ein wenig Ich zu fein, ein wenig" mich perfönlich zu entwickeln, kaum habe ich mich ein wenig von den Feffeln, die Schule und Erziehung dem Geiße antun, erholt, so soll ich wieder untertauchen. Eben haben fie fich erß aufvgerichtet, die zarten, jungen Gräfer, und fchon wälzt fich ein breites Rad über fie, und das tut feine Arbeit gründlicher. So fehe ichA wie meine Seele, das Bischen, was ich Eigenes befaß, fyßematifch vernichtet, erdrückt wird. Das iß bitter. Ich habe Angß vor dem tätigen Leben, vor dem Schuften ums liebe Brot, und kann doch nicht fliehen. Mir graut vor dem definitiven Uebergang, dem Untergang meiner Eigenart, und doch muß ich jetzt Schritt für Schritt diefem Ziel entgegen tun. Für ein kontemplatives Leben wäre ich gefchaffen, für ein ganz paffives, fiilles Zufchaun, für ein fcheues, tiefes Genießen. Ich weiß, daß dies nicht gefund iß, daß man da fo viel tadeln könnte und reden von krankhafter Selbfizerfaferung, übergroßer Reizfamkeit und Willenserkrankung. Aber ich bin feelifch fo ganz anders disponiert, untauglich zum »tätigen Leben«. Und das foll •) Wir veröffentlichen diefe Briefe eines gefallenen Bundesbruders, die uns von feinem nächften Freunde übergeben wurden, nicht als befonders bedeutende Aeußerungen, fondern weil fie für die geiftige und gemütliche VerfalTung vieler junger Juden typifch find. Sie find diarakterifiert durch eine innere Zerriflenheit, die nach dem Ausgleich Itrebt, und eine Vornehmheit des Empfindens, die fich fcheut, auf die Geftaltung menfchlicher Dinge irgendwie von Einfluß zu fein. Diefe beiden Züge vor allem haben den Verfafler wohl in unfere Reihen geführt/ hier fand er die Gemeinfchaft, deren Streben ihn den Schwerpunkt hätte finden lallen, nach dem fein Wefen verlangte. Er mußte von uns gehen, bevor ihm Er* füllung zuteil wurde. Die Redaktion