Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
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Kaßein, Gibt es eine moderne jüdifche Literatur? 125 jüdifchen Geiß und dem jüdifchen Herzen, ftand etwas, was für uns faß: fchwächer fein follte als die Erinnerung : die Sehnfucht. Aber es gibt ein liebenswürdiges kleines Werk, das vieles von dem ver* mittelt, was wir wollen: Glücke! von Hameln. Es hat nur der Blick des Dichters gefehlt, um hier ein Kunßwerk zu vollenden. So fcheint es letztlich, als ob diefes Unwägbare des jüdifchen Gefüßls fich doch'anklammern wollte an das Greifbare unferer Erinnerung, unferer Tradition- Wir müflen zurückgehen zu den TaN fachen unferer Vergangenheit. Gewiß nicht als einziges und letztes -Ziel, wohl aber als Weg dahin. Denn die moderne jüdifche Dichtung foll doch ein Leben mit und aus dem Judentum fein. Und fo foll es unfer Volk lefen. Aber wir haben nichts, was wir unferen Kindern und unferen Freunden geben können: kein Bilderbuch, kein Märchen^ buch und kein Wunderhorn des jüdifchen Knaben. Keinen Roman für unfere Denkenden und kein Drama für unfere Betrachtenden. Zu den Urfprüngen müflen wir alfo auch fiofflieh zurück. Und was foll der Anfang fein? Die Schaffung des |üdifchen Helden^ gedichtes? Ach nein, dafür. find wir zu klug. * Das müflen wir denen in Paläftina überlaflen, denen die Umgebung täglich den Anfchluß vermittelt an unfere Heldenzeit. Und das find Dinge, So eng mit unferen Urfprüngen verknüpft, daß vielleicht allein die hebräifche Sprache sie reßlos auszudeuten vermag. Das können wir nicht. Aber die alte Zeit und ihre Menfchen können wir uns näher bringen. Sie find nicht zu einfach und zu naiv für unferen Geiß. Wir müflen nicht fürchten, daß wir dabei in den kindlichen Stil von Ebers und WolfF verfallen. Denn mir will mitunter fcheinen, als wären diefe Menfchen von damals fchon alt und reif gewefen, ganz müde und wiflend. Und noch heute fcheint es mir ein wundersames Tun, diefen müden Menfchen Leben zu vermitteln, aus ihnen wieder eine Wirklichkeit aufzubauen und fie langfam und wollend mit der Wirklichkeit unferer Tage tu verföhnen. So wir nur Sehnfucht haben nach unfern eigenßen* Menfchentum, werden wir fchon das Richtige finden. Es wird ja immer und zu alten Zeiten für uns Weßliche eine weite Kluft bleiben zwifchen Wollen und Erreichen. Denn fo völlig uns eingliedern, wie es Dichter können, die zu ihrem Volke in feiner Sprache reden, können wir nicht. Wenn wir aus unferem Volke zu ihm fprechen, dann ßeht ewig der Schatten des Deutfchtums daneben und fängt viele Worte auf. Das aber müflen wir ertragen lernen. Diefe Zweiheit, immer halb dem Volke und den anderen zugewandt, und immer ein Echo empfangen aus beider .Mund, iß Teil der Bedingungen, die uns gefetzt find. Und wenn der Beifall und, die Zufiimmung unferes Volkes den Ring um uns und unfere eigenße Kunß enger fchließt, dann will es mir fcheinen, als wäre doch in dem Schaffen für die Nation etwas vom Schaffen für die höchßen Kreife des Menfchlichen. Bremen Jofef Kaßein