Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Kafiein, Gibt es eine moderne jüdifche Literatur? Im jüdifchen Gefühl. Es iß nicht wahr, daß unfer Volk fein Herz mit feinem Wilfen ertötet hat Es iß nur fo, daß es fich feiten frei genug machen konnte aus der verfänglichen Kraft des Denkens, Es hat immer zu fchwer an feiner Gegenwart getragen. Es hat immer zu wenig Zeit gehabt zum Schauen. Und sich zu wenig Zeit gegönnt zur Liebe, die mehr iß als die Gerechtigkeit. „Das Wehe der Welt kommt von der Erkenntnis, welche ohne Liebe iß" fagt GramatzkL Und fo iß es alle Zeit gewefen. Und in diefem Sinne erkenne ich auch in der Entfiefmngszeit des Chrißen* tums ein ekstatifches Auffdireien gedrückten Volkes nach diefem Menfchen Jefus, der, was ihm an Klugheit abging im Sinne jener Zeit, die fchon fcholaßifch überhaucht war, erfetzte an reinem, frag*; lofen und naiven Gefühl, und der diefes Gefühl wie etwas ganz Neues und Unbekanntes den Darbenden entgegentrug, daß fie in einem Paroxysmus von Zärtlichkeitverlangen zu ihm auffahen. Un~ fere Schuld iß es, daß das Chrifientum entßehen konnte. Die Ent*; fiehung des Chrifientums iß die furchtbarfie feelifche Bankerotte erklärung jenes Judentums. Und jedes neue, vergebliche Aufglühen meffianifcher Hoffnung, die das Volk zittern machte, wie Axthiebe einen Baum erfchüttern, iß im letzten und allerletzten Grunde nichts anderes als ein neuer Anfatz zu einer folchen Bankerotterklärung. Wer fein Judentum begreifen will, der ßudiere immer und immer wieder das Leben Jefu und die Entßehung des Chrifientums. Dort wird ihm eine neue Wahrheit aufgehen. Und im jüdifchen Erinnern. Viertaufend Jahre find wir gegangen. Die Fußtapfen unferes Wanderns laufen in greifbaren Kreifen über die ganze Welt. Wir können fte jeden Tag finden, wenn wir es wollen. Und wenn wir auf Spuren treffen, die uns nichts fagen, die keine Beziehung haben und kein Erinnern vermitteln zu der Verfaffung unferes Geifies, dann können wir noch weiter zurückgehen bis in graue Zeiten. Aber irgendwo muß jeder Schaffende einen Halt finden können. Und jeder, der an folchem Orte etwas zu uns fagt, verkürzt den iendlosen Raum von damals nach heute. Denn' diefer Raum iß beinahe endlos geworden. Je mehr wir wefilich wurden, defio mehr begnügten wir uns mit Surrogaten der Erinnerung. Und was iß das nun eigentlich, diefes jüdifche Gefühl, das wir dargefiellt haben wollen? Das läßt fich nicht fagen. Es mag; Definitionen dafür geben, und es gibt folche, feine, abgefchliffene. Aber fie find nicht fchöpferifch. Das iß etwas, von dem wir einen Hauch verfpüren, wenn wir Martin Bubers Legenden des Baal-Schem lefen. Aber auch das läßt uns in der Luft hängen, denn nichts vermittelt uns Wefilichen hier den Zufammenhang mit unferer unmittelbaren Vergangenheit. Und das iß auch etwas, was uns irf Herzls gläubiger Utopie von Altneuland, die wir als Werdende fo eng mit unferem Vorfiellungskreis verknüpften, als Kunfiwerk,. als jüdifche Dichtung endlich unbefriedigt läßt. Denn hinter demi