Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Kafiein, Gibt es eine moderne jüdifche Literatur? 123 werdet Ihr nur hungriger nach diefer Kofiprobe, Denn diefes Bewegen in des Menfchentums höchften Kreifen findet Ihr auch bei anderen Dichtern. Und wenn wir gleich froh , sind, daß auch der Jude es kann: wo aber bleibt fein für uns erlöfendes Bekenntnis, daß er Jude fei? Nun werdet Ihr mir Bände herbeitragen, fie aufblättern und mir nachweifen: Hier eine Ironie, wie fie nur der Jude ausdenken und verliehen kann. Hier ein funkelndes Wort der Kritik, wie es nur jüdifcher Geifi fchleifen kann. Und hier eine metaphyfifche Tiefe, wie nur jüdifdie Sehnfudht fie ausfdiöpfen kann. Das alles gebe ich zu. Aber das alles ift es auch nidht. Oder, von der Verneinung $üs betrachtet: das gerade ift es. Splitterwerk wird uns vorgezeigt, wo wir das Ganze haben wollen. Teile werden uns nachgewiefen, mit denen wir nichts anfangen können. Das mag der Kritiker fammeln, und der Aefihet mag eine Anthologie daraus fchaffen. Dann wird die Anzahl der Brofdiüren und Artikel fich vermehren, die vom jüdifchen Schaffen fprechen. Wohlwollende Tagesblätter werden mit aufrichtigem Interefle die Erftarkung jfr* difcher Dichtung begrüßen. Aber der Jude, der darauf wartet, daß ein jüdifcher Dichter von ihm und zu ihm fpricht, wird in den Buch* laden gehen und einen Roman von Heinrich Mann kaufen. Denn, das ift es ja : Wir haben verflucht viel fcharfe Köpfe, <Iie uns mit aufrichtig zu bewundernder Erkenntnis zeigen, wo fich Spuren jüdifchen Geiftes in dem chemifdien Prozeß der Geiftwerdung nach weifen laffen. Wie fie den anderen die Kultur der Zeit ver* mittein, fo wollen fie auch uns vermitteln, wo jüdifdie Dichtung fich im Keime zeigt. Gebt uns aber lieber den Menfchen, der dies alles fchon vergelfen hat und deflen bodenftändige Seele überftrömt vom Reichtum feiner jüdifchen Gefühle. Denn diefe Vermittlung jongliert mit dem jüdifchen Problem. Ich will aber kein Problem mehr machen aus meinem nationaljüdifchen Denken. Ich brauche da kein Problem mehr. Ich brauche nichts als einen Weg, auf dem ich ausfehütten kann, was ich aus jüdifcher Seele klingen zu hören glaube, mag es gleich nicht den höchften Kreisen des Menfchlichen zugehörig fein, mag es fich ungebärdig benehmen wie diefe Worte hier, wenn es nur den Klang jüdifchen Schaffens hat. Vergeßt doch endlich, daß Ihr Euren Geift gebildet habt an jüdifchen Brofdiüren und Zeitfchriften. Denn der einfache Menfch folgt Euch doch nicht dahin. Erft da, wo der ganz einfache und unbefangene Menfch Euer Buch aus den Händen finken läßt und dumpf über eine Weite fchaut, die ihn erregt und die er fehriend und fennfüchtig nicht auszudeuten kann: da erft habt Ihr jüdifdie Dichtung gefchaffen. Und noch in jedem Staunen, das durch den Werktag hin erinnernd und mahnend an Euer Werk fidi klammert, ward Geift gefät aus dem Oeifte Eures jüdifchen Herzens. Denn in zwei Dingen feid Ihr Sünder: im jüdifchen Gefühl und im jüdifchen Erinnern.