Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Kaftein, Gibt es eine moderne jüdifdhe Literatur? 121 beruhigen kann, daß wohl keiner eine größere Freude, für Sie zu wirken, empfinden kann als idi, so darf auch ich diese Versicherung von mir geben. Lassen Sie uns, meine Herren und Freunde, also in Gemein^ rschaft wirken, daß wir, was auch die künftigen Zeiten bringen, niemals anders gehandelt zu haben wünschen könnten. GIBT ES EINE MODERNE JÜDISCHE LITERATUR? Ich muß für die Betrachtung vorausfetzen, daß ich hier unter Literatur verftanden haben will das dichterifdie, feinem Stoff und Wefen nach weltliche Schrifttum in Vers, Profa oder Dramatik; Dichtung, nicht Wilfenfchaft. Unter der Literatur eines Volkes will ich verftanden haben feine Dichtung, die durch Stoff, Form oder geiftigen Gehalt feine völkifche Eigenart zum Ausdruck bringt, und die, was noch wichtiger iß, unlösbaren Zufammenhang mit dem Schickfal diefes Volkes hat. Ferner fetze ich für die Behandlung der Frage voraus, daß Jhre Betrachtung nicht nur vom Standpunkt des Schaffenden aus erfolgt, fondern auch von dem des Betrachtenden und Genießenden, kurz: des Lefers. Und diefer Lefer foll nicht nur der Jude fein, fondern auch der Nichtjude, jeder Kulturmenlch, der Geh mit der fthönen Literatur befaßt. Ich ignoriere in diefem Zufammenhange ferner das Vorhanden* fein der oftjüdifchen Literatur. Ihr gegenüber find wir nicht die Schaffenden, fondern die Genießenden. Wir können fie auch nicht fchaffen, weil die ihr notwendige und eigentümliche Sprache uns nicht adäquat ift. Wir lieben und verliehen ihre Stoffe, aber wir erleben fie nicht, kraft unferes Milieus. Es muß ausgefprochen werden, daß wir uns als Schaffende trotz aller unleugbaren Zu* fammengehörigkeit auf den Standpunkt zurückziehen mülfen, daß wir Weßjuden sind. Um den Rahmen enger und den Begriff deutlicher zu fpannen : ich rede vom Schaffen des in Deutfcfaland lebenden und in deutfeher Sprache Ichreibenden jüdifchen Dichters. Ich nehme das Gebiet fo eng, weil ich mich nicht dazu verliehen kann, mich auf das ficher zu erwartende Erftarken des Hebraismus vertröften zu lalfen. Wir fprechen nicht hebräifch. Wir lefen nicht hebräifch. Wir werden es in zwanzig Jahren auch noch nicht tun. Das mag man beklagen, darf es aber nicht überfehen. Es darf unentfehieden bleiben, ob dem jüdifchen Gefühl die jüdifche Sprache allein das adäquate Aus^ drucksmittel bedeutet. Der Fundus der gegenwärtig vorhandenen Werte verlangt Ausdruds, und zwar, da wir nun einmal fprachlich affimiliert find, in der jedem durch Umgebung- und Erziehung vermittelten Sprache.