Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827070--0122-2827220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rußaßßoff, Erfriinge 113 heit eines jeden Befonderen erfcheint, fondern denen ihr jedesmaliger Standpunkt das Abfolute, der andere aber die Lüge ift. Das aber Ift der wohlbegriffenen Gefdiichte tröftende Lehre, daß alles vor* übergeht, ohne zu vergehen, und daß alles bleibt, wenn es längft: vergangen heißt. Darum können weder die Juden untergehen, noch kann das Judentum fidi auflöfen,- aber in die große Bewegung des Ganzen foll es untergegangen fcheinen und dennoch fortlegen, wie der Strom fortlebt in dem Ocean. Gedenken Sie, meine Herren und Freunde, gedenken Sie bei diefer Gelegenheit der Worte eines der edelften Männer des deutfchen Vaterlandes, eines feiner größten Gottesgelehrten und Dichter,- fie drücken kurz aus, was ich weitläufiger gefagt habe. »Es wird eine Zeit kommen, wo man in Europa nicht mehr fragen wird, wer Jude und wer Chrift fei.« Diefe Zeit fchneller herbeizuführen; als fie ohnedies fich herbeiführen möchte, mit aller Ihnen zu Gebot ftehenden Kraft und Anftrengung fie herbeizuführen : das ift die Aufgabe, meine Herren, die Sie fich durch Ihre Vereinigung gefetzt haben. Meine bisherige Ausführung war nur die weitere Auseinandersetzung deflen, was fchon der erfte Paragraph Ihrer Statuten darüber enthält. Daß ich es wiederhole: Sie wollen die Scheidewand einreißen helfen, die den Tuclen vom Chriften, und die jüdifche Welt von der europäifdben Welt getrennt hält,- Sie wollen jeder fchroffen Befonderheit ihre Richtung gegen das Allgemeine anweifen ,• Sie wollen, was Jahrtaufende neben einander einher ging, ohne fich zu berühren, verföhnt einander zuführen. Es wird Menfchen geben, die, da fie gegen den Gedanken Ihrer Vereinigung nichts aufbringen können, wie es wohl bei folcher Gelegenheit zu gefchehen pflegt, nach Ihrem Patente und nach der Ausweifung Ihres Berufes fragen werden. Wollten Sie den kleinen Seelen wohl Antwort geben, die nach der Kompetenz fragen, wo es die Sache gilt,- die, wo die gemeinfame Begeisterung einem erfehnten Ziele zutreiben läßt, fich noch, nicht durch die Eisrinde ihrer perfönlichen Rückficht haben durcharbeiten können? Was Sie tun, find Sie als Menfchen der Menfchheit, als Brüder Ihren G^ubensgenoflen, und als Bürger Ihrem König und Ihrem Vaterlande fchuldig: es ift die Schuld der Dankbarkeit, die Sie abtraget Es war gegen das Ende des aditzehnhundertneunzehnten Jahres, als wir uns zum erften Male verfammelten. In vielen Städten des deutfchen Vaterlandes waren jene graufen Scenen vor* gefallen, die mandien eine unvorhergefehene Rückkehr des Mittelalters vermuten ließen. Wir kamen zufammen, um zu helfen, wo es not täte, um über die Mittel, wie dem tiefgewurzelten Schaden am beften beizukommen fei, zu beratschlagen. Eiine mehr ins Ein* zelrie gehende Abficht hatten wir nicht. Wir befanden uns damals in dem Anfang unfer^s Strebens, und wir waren alles Reichtums und aller Armut teilhaftig, die jeder Anfang zu gleicher Zeit ge* währt: des Reichtums, weil in ihm alle folgenden Entwicfcelungen verfdiloflen liegen, — der Armut, weil noch keine einzige zu ihrem