Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Witfiowsfiy, Der Prophetismus als kufturgefchiAtttches Problem 105 phetischen Ethik, die Troeltsch in der Herausärbeitung einer ifidivi^ duellen Fröniniigkeit von tiefster Innigkeit und menschlich*brüderli<her Gesinnung erblickt, trägt, obwohl er es ausdrücklich nicht zugibt, für ihn zugleich das Zeichen der Lebensverneinung. Die Konige, der Adel, die Militärs konnten, so meint er, mit der prophetischen Pref digt nicht leben und sich erhalten, da sie in ihrem eigensten, Staate liehen Lebensinteresse Weltpolitik machen mußten. »Der Verzicht auf eigene Macht und Kraft schuf die Verherrlichung der Demut, des Gottvertrauens und der Selbstbescheidung. Das bricht den mili* tärischen Geist der alten Bauernaufgebote und fäßt die Tugenden des Friedens und der geduldigen Güte stärker hervortreten«. Man sieht, wir bewegen uns hier auf den Bahnen Nietzsches, des Anti* Christen. Es ist die gleiche Verwechselung des demütigen Geistes der Bergpredigt mit dem stolzen Vertrauen der Propheten auf die Kraft Jahves. Kann man aber behaupten, daß Jesaia und Jeremia in ihrem Gottesvertrauen ihr Vaterland wehrlos machen und es so dem Abgrund zuführen mußten? Es ist schon gesagt, daß diese beiden so verschiedenen Männer ein feiner Instinkt für politische Notwendigkeiten leitete, der sie ihrer Zeit die denkbar besten Ratschläge erteilen lehrte. Kann überhaupt bei Zwergstaaten von einem vernünftigen Weltmacht* streben die Rede sein? Indem die Propheten die Fernhaltung von Bündnissen verlangen, leitet sie gewiß vor allem der leidenschaft* liehe Wunsch, den Volksgeist von allen Einflüssen fremder Kultur möglichst in seiner nationalen Reinheit zu erhalten, aber doch nicht zum wenigsten auch das Bedürfnis, dem Vaterland die Lebens* möglichkeit zu erhalten. Ja, religiös-nationale Denkart und politische Erfahrung sind so eng mit einander verknüpft, daß erst nach spürende Kritik eine Sonderung von organisch Verwachsenem vor* nehmen muß, um überhaupt ein Verständnis zu ermöglichen. Die Notwendigkeit des ständigen Lavierens einer »neutralen« Politik findet ebenso seine Begründung im Jahve*Gedanken, wie umgekehrt das wachsende Gefühl der Ohnmacht gegenüber den irdischen Ge* walten im heroischen Geiste die Allmacht Jahves erst erzeugt und ständig steigert. Nicht der Verzicht auf eigene Macht und Kraft schafft die Verherrlichung der Demut und des Gottverträuens, sondern das Bewußtsein von der Allmacht Jahves verlegt die Machtmittel in dessen Hände und wandelt die Ohnmacht in zuversichtliche Hoffnung auf eine beslsere Zukunft. Nicht um ein Jota werden dadurch die Ansprüche auf eigene Größe und Herr* schaft verringert. Es ist keine Forderung allgemein * mensch* liehen Gepräges, daß der Stolze erniedrigt und der Leidende erhöht werden soll, sondern eine solche Umkehrung aller bisherigen Welt* geltung soll nur im Verhältnis Israels zu seinen Feinden dank der Hilfe Jahves offenbar werden. Deshalb schwärmt die gesamte Eschatologie in den farbenprächtigsten Bildern von der Macht und Herrlichkeit des kommenden Reiches und die Vorstellungen von