Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Witfiowsky, Der Prophetismus als kuJturgefchichtliches Problem 101 rätselhaft, Die .christliche Lehre, die/ihrem Mutterboden entwachsen, mach Troeltsch Theorie im Laufe der Jahrhunderte eine Verselbst^ ständigung ihres Inhalts erfährt, hat den Kampf zwischen dem ölaubensradikalismus und der Welt* und Kulturanpassung, wie Troeltsch es nennt, nicht zum höchsten und ällgemein^menschlidien Ausdruck gebracht, sondern es ist ein völlig unorganisches Nebeneinander von Lehre und Tat, das für den, der Augen hat, zu sehen, .gerade in dem Weltringen unserer Tage mit kaum zu überbietender .Deutlichkeit in die Erscheinung tritt, und in dem die »Welt und Kulturanpassung« schließlich immer noch Richtung gebende Bedeutung gehabt hat. Freilich wird hierin am wenigsten eine Übereinstimmung <ler Auffassungen zu erzielen sein, was eben im Sinne Troeltsch7 die verschiedene Grundeinstellung des Juden und Christen von vorneherein unmöglich macht. So wird auch nur vom Juden der tiefe Widersinn des Weltgeschehens zu dem gesamten, auf dem Christentum ruhenden Kulturgut der heutigen Menschheit in seiner «erschütternden Tragik voll empfunden und nur in solcher seelischen Zuständlichkeit findet die leidenschaftliche Kriegsgegnerschaft des europäischen Juden, soweit sie in der Oeffentlichkeit zu Tage trat, ihren zureichenden Grund. Was Troeltsch deshalb als »Kultur* Indifferenz« des Prophetismus, als Verneinung der Staatsidee bezeichnet, ist für den Juden die Ablehnung jedes Kompromisses, die heroische Durchsetzung des eigenen inneren Seins um jeden Preis. Stemmten sich, wie Troeltsch behauptet, die Propheten gegen den Lauf der kulturellen Entwickelung und der politischen Notwendig* Ikeiten? War also ihr politisches Handeln sinnlose Utopie oder kraftvollste Betätigung ihrer Eigenart? Die Frage ist letzten Endes nur durch Bewertung der politischen Vorgänge zu entscheiden. In Jesaia und Jeremia finden wir das Substrat der prophetischen Politik .am deutlichsten verkörpert. Beide sagen den Untergang voraus, [beide warnen vor Bündnissen und fordern den Gehorsam gegen Jahve durch sittliches Handeln, auf daß Israel innerlich stark und ^mächtig unter dem Schutze seines Gottes wandle. Und doch wie verschieden ist bei gleicher seelischer Art ihre Stellung zu den po* litischen Zeitfragen] Jesaia hat das Schicksal des Nordreiches vor Augen, er sieht es in Bündnisse mit den nordsyrischen Staaten .gegen Assyrien verstrickt und im Sinne höchster politischer Zweck* mäßigkeit hält er ein Fernbleiben von allen politischen Händeln für «den gegebenen Weg der jüdischen Politik. Die Entwickelung hat ihm Recht gegeben,- alle Konspirationen mit Ägypten schlagen zum Unheil aus. Jeremia, nicht weniger auf sittliche Reinheit des Volkes feedacht, zeigt scheinbar die gleiche politische »Neutralität«. In Wahrheit neigt er der chaldäischen Partei zu, mißtraut Ägypten und seinen Versprechungen, und ist bereit, als seinem Leben Gefahren -von seiten der feindlichen Partei drohen, ins Lager der Chaldäer 211 fliehen. Auch er bekundet feinstes Verständnis für politische Notwendigkeiten. Den Exulanten rät er im Gegensatz zu den