Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1918-06-01 · Heft 2 (Juni 1918) · page 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 2 (Juni 1918)
Date
1918-06-01
Page
– (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2827066-2827067-2827070--0109-2827207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

100 Witkows&y, Der Prophetismus als kulturgefchiditlidies Problem Troeltsdi hat, wie schon erwähnt, die prophetische Gewißheit von der Unzerstörbarkeit Israels, wenn es Jahve treu bleibt, eine »beinahe rätselhafte« genannt. Hier hat Troeltsdi seiner Untersuchung eine willkürliche Grenze gesetzt, sie hört mit der Feststellung eines bestimmten Glaubensinhaltes auf, ohne die seelische Grunde eigenschaft, der solcher Glaube entspringt, zu bezeichnen. Aber erst der Charakter, der Genius, die Eigenart eines Volkes, ist das schlechthin Undefinierbare, gleich allem organischen Sein Rätselhafte,, das sich einem umfassenderen Begriff nicht unterordnen läßt, nicht die jeweilige Äußerung des Volksgeistes. So wird man versuchen!, müssen, den unerschütterlichen Glauben an die Unzerstörbarkeit Israels auf eine seelische Konstitution zurückzuführen, die wir zwar nicht erklären, wohl aber begrifflich fassen können. Israel — es gelte dieser Name für Nord^ und Südreich —r ein Zwergstaat unter mächtig rivalisierenden Großmächten ringt Jahr^ hunderte hindurch um sein völkisches Dasein. Ein Gefühl besonderer Auserwähltheit, das man als aristokratisches bezeichnen könnte, hält es von Vermischungen des Blutes und des Geistes mit andern Völkern in immer steigendem Maße fern. Das Bewußtsein des eigenen Wertes und der überragenden Machtfülle des Volksgottes, der ja letzten Endes aus dem Lebensgefühl der Volksseele heraus^ projiziert ist, schafft einen Gegensatz zwischen Forderung und Kraft* maß, der ebenso als Größenwahn wie als Heroismus bezeichnet werden kann. Was unterscheidet die Don Quichoterie von der heldischen Tat? Beide können das Unwahrscheinliche möglich machen, beiden kann der Erfolg sich versagen. Aber während der geistes^ arme Ritter von der traurigen Gestalt gegen Windmühlen anrennt und dem Stofflichen kläglich unterliegt, ringt der Prophet aus tiefstem und stolzem Menschentum mit den überwältigenden Zeitmächten,, alles mißachtend, was gemeine Überlegung lehrt. Das aber ist Heroismus, ein Heroismus unbedingter Lebensbejahung, der in seiner Unerbitterlichkeit nur einmal in der Weltgeschichte, im indischen* Denken, sein Gegenstück gefunden hat. Dort ein mächtiges, un^ bedrohtes Volk, das sich in seinen denkenden Köpfen des Willens zum Leben bis zu dem Maße entäußert, daß es im Leiden des andern sich selbst zu erkennen glaubt, dem Trug des Schleiers der Maya sich entzieht und in völliger Verneinung des Seins das letzte* Heil sucht. Hier ein winziger Stamm, dessen unbändiger Lebenswille alle äußern Hemmungen zu durchbrechen bereit ist und dem Drange, seine Art zu behaupten, ohne Maß und Grenze genügt. Bei beiden herrscht eine Willensrichtung, die den Kampf gegen die Forderungen der Zeitverhältnisse aufnimmt. In dieser Gegenüberstellung von jüdischer Prophetie und indischem Nirwana kommt die Polarität all ermöglichen Weltbeurteilung zum klarsten Ausdruck, und Troeltsdi tut den Dingen zweifellos Gewalt an, wenn er hier am die Stelle des prophetischen Judentums das Christentum setzt. Die Bergpredigt ist indisch und darum in der jüdischen Umkleidung sc

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.