Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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96 WitßowsHy, Der Prophetismcrs ah kulturgelchicfttfiches Problem Lande als Fremdling geweilt/ Nachkommen, die ihnen-geboren* werden, dürfen im dritten Gliede der Gemeinde Jahves angehören.« Hat man den Mut, diese Sätze in ihrem Wortsinn zu begreifen, so wird man hier kaum eine Bestätigung der Identität von Jahve und Sittlichkeit finden, wohl aber feststellen können, daß die Gemeinde Jahves in ihrer Konstitution allein von stammesgeschichtlichen, Einflüssen bestimmt wird. Dieser Erkenntnis scheint sich auch Kellermann nicht ganz verschließen zu können. Denn es findet sid> bei ihm das interessante Geständnis, daß im Deuteronomium »die Idealisierung der Religion noch nicht so weit durchgeführt ist, wie es im Interesse des reinen Monotheismus zu wünschen wäre«. Dieser Ausspruch ist charakteristisch für die Art der Deduktionen Keller-- manns. Daß es hier aber nicht zu wünschen, nur zu erkennen gilt, ist nach Troeltsch gerade die Voraussetzung, ohne die ein allgemein* giltiges wissenschaftliches Ergebnis nicht zu erzielen ist. Nun soll nicht verkannt werden, daß Kellermann — mit vollem Recht —- im» Deuterononium keinen adäquaten Ausdruck des prophetischen Programms erblickt. Indessen ist er in der Bewertung von Jesaia, Jeremia und Deuterojesaia nicht weniger befangen. Er erkennt wohl an, daß es in der ethischen Entwickelung von Arnos bis Deuterojesaia eine Periode des religiösen Pragmatismus gibt, in der das Ichj noch völlig an den Gehorsam gegen Jahves Gebote gebunden ist. Aber mit der tieferen Durchdringung des sittlichen Problems werde, der Pragmatismus durch den Messianismus abgelöst d. h. durch die Erkenntnis, daß »die Korrespondenz zwischen der Erfüllung der sittlichen Forderungen und dem Lohnbedürfnis erst am Ende der unendlichen Weltgeschichte erreicht werden könne, weil erst das letzte sittliche Individuum auch das Glückwürdigste sei«. Kellermann will also glauben machen, daß alle konkreten Weissagungen der kommenden Heilszeit des wiedererstandenen Davidsreiches nur als »Typen einer idealen Anschauung«, als Gleichnisse für einen Zustand allgemein menschlicher Sittlichkeit zu werten sind, dessen Verwirklichung von seinen Verkündern erst in unendlich ferner Zeit erwartet werde. Er will demnach zeigen, daß die Propheten aus tiefster spekulativer Erkenntnis von der Unmöglichkeit, einen Ausgleich, zwischen sittlichem Ideal und Wirklichkeit zu schaffen, im Begriff desmessianischen Reiches den Ausgleich in eine unendlich ferne Zukunft verlegt hätten. Kann es eine treffendere Illustration für Troeltsch' Feststellung geben, daß des Einzelnen Grundeinstellung für seine- Entwickelungskonstruktion eine unausweichlich gegeben ist? Man müßte sich sonst fragen, wie es möglich ist, daß ein verhältnismäßig eindeutiger geschichtlicher Tatbestand allen Ernstes so ins Spekulative umgedeutet werden kann. Einfach genug ist doch der Zusammenhang. Zunächst kann unmöglich übersehen werden, daß alle messianis^ien Weissagungen nach bibelkritischer Feststellung erst nach dem Untergang des Reiches geschrieben sind. Das gilt ebenso* für die Zukunftsverheißungen Michas (4,1— 4) wie für Jesaia <2, 1—3