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Der jüdische Wille · 1918-06-01 · Heft 2 (Juni 1918) · page 23

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 2 (Juni 1918)
Date
1918-06-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Wttfowsfiy, Der Prophstismusr als. kultürgefdifcfiriidiels, Pröbfewi 91 die Rede'sein könne. Jeder religiöse Lebenskomplex, wi0 er: auch entstanden fein mag, trage seinen eigenen Sinil in sich/; ei\ habe sich von seinem Ursprung losgelöfi und besitze eine »völlig ußerk\ärbäf& Kraft d^s Momentanen und Spontanen«* ( Es iß eifi intereflanter Zufall, daß zur selben Zeit Walter Rathenau in seinem Buch »Von kommenden Dingen« mit ähnlichen Worteni gegen die gefchichtliche Betrachtungsweise zu Felde zieht. Was Troeltfdi die Loslösung vom Ursprung nennt/ bezeichnet Rathenau als die »Subßitution des Grundes«. Mag die gefchichtliche Betrachtung anregend und in manchem erfolgreich gewesett: seiny »doch führt sie zum gefährlichen Irrtum/ wenn sie sich unterfängt, den gegenwärtigen, lebenden und wirkenden Organismus auszudeuten pder fortzubilden. Es mag interessant sein, daß das Pontifikat in irgend einer Weise vom Brückenbau ausgeht/ aber es wäre; bedenklich; grundsätzliche Schlüfle vom Ingenieurwesen atif kirchliche Einrichtungen zu ziehen.« Troeltfdi lehnt die gefchichtliche Betrachtungsweise nicht nur für die Deutung des gegenwärtigen, sondern jedes Organismus ab> den man nicht anders als nachfühlend begreifen könne. Jede Unterordnung einer religiösen Erscheinung unter ein Ziel der Ent¬ Wickelung sei Illusion. Denn nicht das wiffenlchaftlich fefifiehende Entwicklungsgesetz sei das ursprüngliche, sondern umgekehrt das Gefühl für die Eigenart des jeweiligen religiösen Phänomens erzeuge sich die Gesetze der Entwidmung in einer Form, »die das bald konkreter, bald abfirakter gefaßte Eigenleben der religiösen Gegen^ wart oder auch nur des Darfiellers als das überall durchfihimmernde Entwickelungsziel ericheinen läßt. Der Jude, der Chriß, der Chinese, der Hindu, und hänge jeder auch nur lose mit seiner Gruppe noch zusammen, der Europäer vor allem und der Orientale hat hier unausweichlich vermiedene Grundeinfiellungen für seine Entwickelungskonfiruktion.« Damit sind wir auf den Ausgangspunkt unserer Betrachtung zurückgekommen: Die Gebundenheit des Forfchers an die religiösen Gedankeninhalte seiner Gruppe. Zweifellos muß aus dieser Er« kenntnis, sobald sie zum Gemeingut der Wiffenfchafi geworden iß, eine Selbfibefiheidung sich ergeben, die alle Rarigansprüche in ihrer zeitlichen Bedingtheit enthüllt, jedenfalls auf ein dem angeblich Ge~ ringeren erträgliches Maß zurückführt. Mit diesem Verzidht auf eine allgemein giltige Erkenntnis wäre gewiß fthon viel gewonnen. Nun begnügt sich Troeltlch nicht mit der erwähnten Fefifiellung. Er unternimmt es, den Prophetismus durch völlig vorausfetzungsloses, gleichsam naives Einfühlen aus dessen Zeit zu begreifen. Von vorneherein iß indeflen der methodologißhe Einwand zu erheben, nach welchem sachlichen Maßfiab die Fähigkeit des Forfchers, eine ver« gangene Kulturepoche nachempfindend wieder erfiehen zu laflfon und damit der Wert des wiflenfdiafilichen Ergebniffes erprobt werden solle. Daß nachfühlendes Begreifen eine Kulturerfcheinung lebendiger und tiefer durchdringen muß, als ein Erklärungsversuch im Sinne

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