Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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90 IP/ffawftiy, tDcr Prpphetismus als kulturgefdiichtfid^s Problem Zeit nicht erßehen ,wird, fofern es nicht gelingt, eine Methode aus* findig zu machen, die das wiffenfehafiliche Ergebnis von der perfön* liehen Gebundenheit des Forfchers möglichß unabhängig macht, eine Methode alfo, die an Exaktheit der rnathematifchen gleichkäme und irgend ein Dafürhalten ausfihlöfle. Iß dies auf geifieswitfenfchafilichem pebiete überhaupt möglich? Der bekannte Religionsphilofoph Ernß Troeltfch®) hat es in Tat unternommen, der Methodologie neue Wege zu weifen, in der Überzeugung, das unmittelbare Begreifen des prophetifchen Geifies gefördert zu haben. Seine Gedankengänge find grundfätzlicfa wie inhaltlich fo bedeutfam, daß fie eine eingehende Würdigung zur Pflicht ftiachen. Troeltfih will vor allem den Entwickelungsbegriff, der bisher die Vorausfetzung jeder religionswiffenfchaftlichen Unterfuchung war, völlig ausfchalten. Mag fiA die Forfchung pofitivißifch^empi* rißißh verhalten, indem fie die religiöfe Vorfiellungswelt aus den Bedingungen des primitiven Lebens und Denkens der Urmenlchheit zu erklären fucht und als Wiflenlchafi diefer Urmenlchheit anfleht, die immer mehr vergeifiigt und fchließlich durch die reine Wiflenlchafi: er^ fetzt wird. Oder mag die Forfchung fich idealifiifch^transcendental verhalten, indem fie »dem menfehlichen Geiß die Erzeugung der Ideenwelt als wefentliche hißorifche Selbfientwickelung zufihreibt und unter diefen Ideen die mit dem Organismus des Selbfibewußtfeins eng irgendwie verbundene religiöse Idee insbesondere aufzeigt.« Beiden Theorien, so ftharf ihr Gegensatz auch sein mag, iß die Vorausfetzung einer immanenten Eritwickelung gemeinsam. Sieht der Empirifi in den religiösen Gemüts- und Stimmungsgehalten nidit etwa eine elementare Grundäußerung der Seele, sondern Ein* Wirkungen jener uralten Vorßellungswelt auf Phantafie und Gemüt, die allmählich sich verflüchtigt und der reinen Erkenntnis Platz macht, glaubt der Idealiß aus dem Icheinbar wirren Spiel der hifiorilchen Religionswelt eine ihm überall zu Grunde liegende Idee herausdeßillieren zu können, die als Menfchheitsreligion der Zukunfi zu werten iß, so gilt beiden die sinnvolle Entwidmung als voraus-* gesetzte, über jeden Streit hinausgehobene Tatsache. Hier setzt Troeltfch7 Kritik ein. So sehr er bereit iß, die Verdienfie anzuerkennen, die beide Theorien sich um die Erhellung der Religionsgefihichte erworben haben, so Rheinen sie ihm gerade gegenüber dem wirklichen Leben der Religion zu versagen,- denn dieses lafle sich weder aus dem primitiven Denken der Urmenlchheit noch aus der allmählichen Herausarbeitung einer Idee erklären. Vielmehr be^ ftehe eine gewtfle, meißens an Gruppen gebundene feelifche Zu^ Handlichkeit, die sich unter dem Einfluß der mannigfachßen Objekte in eine bei Völkern und Zeitaltern verschieden ßarke religiöfe Er^ regung umsetze, wobei von einer Entwickelung im Sinne einer flößen Fortsetzung oder Durchfetzung von fchon Vorhandenem nicht, *> »Das Ethos der hebraifchen Propheten«: Logos Bd. VI Heft 1.