Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Witkowsfiy, Der Prophetismus als kukurgcfchi<iitlichcs Problem Die Babel- und BibekStreitfchriften rannten im Grunde offene Türen ein. Indem fie die unbefireitbare Abhängigkeit von Babylon ausriefen,; glaubten fie auch die außerhalb diefer Streitfrage, die im Grunde keine iß, liegende Sonderheit des jüdifdien Geifies auf das flache Niveau einer ganz Vorderafien eigentümlichen Nachahmung baby^ .lonifcher Kultur herabgedrückt zu haben. Wirkt es nicht geradezu grotesk, wenn ein fo verdienßvoller Forfcher wie Hugo Winckler*) fich nicht zu dem Glauben bekennen kann, » der in der jüdifdreri Religion mit ihren Weiterbildungen ein Erzeugnis des jüdifch^n' Geifies fieht« und von Jeremia nur zu rühmen weiß, daß feine Lieder die Kenntnis babylonifcher Literatur verraten? Es läge durchaus in der Bahn folcher Beweisführung, wenn ein indogermanifcher Schwarmgeiß das Verdienß Babylons auf die nichtfemitifche^lir^ bevölkerung zurückführte und fo die Sumero-Akkader zu Erzvätern der jüdifchen Religion erhöbe. Wollte man den deutfchen Geiß iiur nach feinen Zufammenhängen mit römifch^griechifcher Kultur beüiM teilen, feine Eigenart zerfiele in ein Nichts. Aus diefer Wirrnis könnten vielleicht, wenn es erlaubt iß, von Zukunftsmöglichkeiten zu fprechen, jüdifche Denker nationaler Gefinnung den Ausweg finden vermöge einer Einßellung ihres Geißes, die fich grundfätzlich von der Sinnesart früherer Gefchlechter unter* fchiede. Es gehörte hierzu freilidi der Mut, das Jüdifche allein durch die nüchterne Tatfache feines biologifchen Seins zu rechtfertigen, fich los und ledig aller von der Vergangenheit übernommenen Rechte und in die Zukunft weifenden Verpflichtungen zu fühlen nnd fo eine* Wiedergeburt in fich zu erleben gleich jenen Meißern der italienifchen Renaiflance, deren glühendes Streben nach Freiheit der Persönlichkeit den Blick für antike Kunfi* und Lebensformen erfi erhellte. Sie könnten befreit von der Verantwortung für Jahrtaufende langes* Wirken der Gefihlechter mit dem Mute, nur fich zu leben, vielleicht, berufen fein, dem umfirittenen Gebiete des Prophetismus die end* giltigen wiflenfchafilichen Grenzen zu fetzen, indem fie aus der inneren Freiheit die vorbehaltlofe Neugier, ohne die es keine reine* Wilfenfchafi gibt, fchöpften. Freilich läßt die gegenwärtige Geißes^ verfaflung der nationaljüdißhen Denker folchen Wandel wenigfiens für abfehbare Zeit nicht erhoffen. Sie folgen im allgemeinen dep jüdifch^liberalen Ideologie und haben den Zwiefpalt im Nationale^, immer noch mit dem Hinweis verhüllen können, daß in der Wertung' des Nationalen die Menlchheitsidee letzten Endes gefördert werdender zu dienen fie fich nicht minder berufen fühlen, als ihre liberalen^ Antipoden. So gilt auch ihnen im ganzen die liberale Auffaflung des1 Prophetismus als der letzte Rechtfertigungsgrund ihres Seins. Wir werden uns alfo mit der Tatfache abfinden müflen, da# ein von Gunß und Übelwollen befreites geifiiges Bild des Prpphetis^ mus in unferer mit der biblißhen Vergangenheit noch fefi verankerten *> Gefchichte Israel? in Ullsteins Weltgefduchte.