Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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- Werne 1× ep/1045992
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88 Witßowstiy, Der Prophetismus als kulturgefdnditü&es Problem Anders in der biblifchen Wiffenfchaft. Hier iß alles gleichfam von der Lauge parteipolitifdier Auseinanderfetzungen durditränkt. Die Bibelforfcher kommen, von wenigen Ausnahmen abgefehen, aus der Theologie, und Zweckgedankeri leiten fie, die jenfeits der Pro* Werne reiner Wiffenfchaft liegen. Der chrißliche Forfcher, welcher theologifchen Richtung er auch angehören mag, lieht im Prophetismus eine Einfiellung des Geifies, die folgerichtig in die chrißliche Lehre hinüberleitet, fei es in Erfüllung eines göttlichen Heilsplanes, fei es im Sinne moderner Entwickelungstheorie. So begriffen iß der Pro* phetismus kein Abfchluß, nur eine Verheißung. Aber folefae Er* kenntnis liegt bereits als durch Lehre und Tradition begründetes Ergebnis vor, ehe,die vorausfetzungslofe Forfchung einfetzt, der trotz bewundernswerten Einzelleißungen letzten Endes keine andere Auf* gäbe verblieb, als längfi Beglaubigtes nun auch mit dem Rüfizeug moderner Wiffenfchaft zu erhärten. Der jüdifche Theologe, genauer gefagt, der jüdifch*liberale Forfcher, der das Recht einer wiffenfchaft* liehen Erforfchung der heiligen Schriften durchaus anerkennt, ja in folcher neuen Fundierung die bedeutfamße Rechtfertigung der jüdifchen Lehre erblickt, macht fich willig die Ergebniffe der Bibel* kritik zu eigen, foweit fie den Prophetismus zu einem Höhepunkt des altteßamentlichen Lebens erhebt. Aberwährend Geh dem chrifi* liehen Betrachter hier erß der Weg öffnet, der zur wahren Heilslehre hinaufführt, wähnt der Jude fich auf unvergleichlicher Gipfelhöhe, für ihn haben die Propheten durch inneres Schauen über ödtt und Welt die letzten Dinge ausgefagt, die der philofophifche Geiß erß in Jahrtaufende währender Mühfal fich anzueignen lernte. Es be* darf nur einer zielbewußten mutigen Aufräumungsarbeit, um aus dem Schutt der Zeiten den Prophetismus als die Religion, feine Nachfahren als das Volk der Religion erflehen und fo allen Be* kenntnishader vor der reinen, die ganze Menfchheit umfallenden Lehre verßummen zu laffen. Es leuchtet ein, daß hier eine Verßändigung für denkbar weite Zeiträume verfperrt und die Bibelforfchung unrettbar an die per* fönliche Gebundenheit ihrer Vertreter gekettet iß. Auch die Archä* ologie bietet keinen Ausweg. Sie kommt zwar zunächß ohne jede Beziehung gleichfam von außen an die jüdifchen Dinge heran, indem fie den Zusammenhang mit der Gefamtkultur des Orients aufdecken will. Aber da fie fefie Umfriedigungen einreißen muß, wird fie in einen Hader hineingezerrt, der ihrem Wesen im Grunde völlig fern liegt. Enthält ja der „Panbabylonismus" fchon in der Prägung diefes Namens eine unverhüllte Kampfanfäge. Die an fich einleuchtende und nie beßrittene Tatfache, daß eine Volkskultur immer Zufammen* hänge mit der gefamten Zeitgefchichte aufweifi, die die Größe und Urfprünglichkeit diefer Kultur nicht im mindeßens zu beeinträchtigen brauchen, wurde zu einem heiß umßrittenen Problem in der Be* Wertung der jüdifchen Geschichte, deren göttlicher Urfprung jede Vergleichsmöglichkeit mit einer fremden Kultur ausfchließen follte.