Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Rofenßerg, Aus unferen Anfangsjahreti <ife mir, der an die Bxklufivität unferer öfierreichifchen Verbindungen gewöhnt war, unheimlich vorkam. Man lud midi auf die Kneipe, und ich erlebte die erfte Kneipe nach deutfchem Komment. Es war eine Antrittskneipe, die der neue Präside, Erich Rofenkranz, leitete. Idi kam aus der Verwunderung nicht heraus über die Verkleidung als Teutonen <den Wichs) und über die mir durchaus teutonifdi er^ fcheinenden Gebräuche der Kneipe, wie Salamander reiben etc. Bei dem weiteren Studium der Zufiände in der Berliner Studentenschaft fiel mir noch manches als merkwürdig auf. In Öfierreich befiand nicht nur Kampf zwifchen Juden und Anti* femiten, fondern glühender Haß und die fchärfßen körperlichen Kämpfe. Der Weidhofner Befchluß, den Juden keine Satisfaktion zu geben, hatte den ößerreichifchen Antifemiten nicht die körperliche Sicherheit verfchafft, die fie von ihm erwartet hatten, denn wo immer auch nur die geringße antifemitifche Bemerkung fiel, haben wir fo^ fort erbittert darauf losgehauen. Die syfiematifchen Kampfzüge und die nicht weniger heftigen gelegentlichen Schlägereien fehlten hier. Dagegen gab es in Lefehallen und frei^fiudentifchen Verfammlungen in höflichen Formen gehaltene polemifche Auseinanderfetzungen zwifchen Juden und Antifemiten. Ich hatte das Gefühl, daß hier alle natürliche Entfchiedenheit abhanden gekommen war, denn daß man mit Antifemiten diskutieren konnte und fie nicht prügeln mußte, erichien mir als ein Zeichen fihwächlichfter Gefinnung. Ebenfo merk«- würdig erfchien es mir, als ich im V. J. St. bemerkte, daß dort nicht die Profüxe in bangem Zagen vor dem prüfendem Auge der Mite glieder des Vereins ßanden, fondern daß man diefe Gäfie mit einer Höflichkeit und Zuvorkommenheit behandelte, die mir unfaßbar erfchien, daß man fie aufforderte, einzutreten und unter Beifallgetrampel die Eintrittserklärung eines Profuxen proklamierte, ohne den Mann erß einer mehrwöchentlichen ' kritifchen Betrachtung im näheren Umgang zu unterwerfen. Wenn auch zweifellos Elemente zionißifcher Gefinnung fich in den Liedern und Anfprachen ausdrüdrten, fo war für mich doch von vornherein fefißehend, daß ein richtiger Zionifi in diefen Verein nicht eintreten könne, und mit der Taktlofigkeit, deren nur echter Radikalismus fähig iß, habe ich auch fofort den Keilverfuchen des galtfreundlichen V. J. St. eine energifche Ablehnung entgegen gefetzt,- die ich damit begründete, daß ich nur in eine richtige zionifiifche Verbindung eintreten würde. Immerhin erfchienen mir einige im V. J. St. doch foweit zionifiifch entwickelt, daß ich hoffte, diefe für den Plan einer zionifiifchen Verbindung zu gewinnen. Ich wandte mich zuerß an Erich Rofenkranz als den offiziellen Führer des Ver^ eins und fand bei ihm auch tatfächlicfa ein, für meine heutige Beur* teilung der Umßände, fehr weitgehendes Entgegenkommen. Nicht fo bei feinem Freund, dem damaligen Zweitchargierten, Emil Cohn,- und gar bald mußte ich fehen, daß die Gründung einer zionifiifchen Verbindung aus dem Kreife des V, J. St. heraus unmöglich fein