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Der jüdische Wille · 1918-04-01 · Heft 1 (April 1918) · page 68

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 1 (April 1918)
Date
1918-04-01
Page
– (sequence 68)
Language
German
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66 Weitzmann, K. C.^Geist naiität seiner Gedanken nachzuprüfen/ sie dürften sich im wesentlichen — bis auf ihre von Buber unglücklich beeinflußte myftifche Form — mit den oft gelesenen Abhandlungen über Ethik und Gehalt des Judentums decken. Aber da sie zu einer sehr eigenartigen praktischen Verwendung gelangen und eine wirkliche Lösung bieten wollen, muß ich ausführlicher auf sie eingehen. Strauß billigt dem Judentum ein »Ganzheitswesen« zu und setzt ein »jüdisches Ganzheitserlebnis« voraus, etwas gewundene Ausdrüdte zwar, die man aber in den K. C.JBlättern nicht mehr vermutete. Dies Ganzheits^ wesen offenbart sich nach seiner Terminologie an den drei »personalen Ganzheiten der Weltstruktur : Familie, Volk und Nation, Gott«, von denen er Farnilie und Gott ohne weiteres als beson^ dere Inhalte jüdischen Erlebens gelten läßt. »Die Familie ... ist gleichsam der eine Punkt, zu welchem der Jude stets zurüd^kehrt, von welchem er stets wieder zu dem andern Punkte auszieht: zu Gott. Und so ist die jüdische Familie, fast noch mehr als bei andern Völkern, für den Juden ein Halt geworden . . .« Es scheint also, als wollte er dem Judentum auch die dritte Kategorie, das Volksdasein, mindestens im selben Grade wie den andern Völkern zusprechen, aber da stellt sich plötzlich heraus, daß der Begriff Volk, der eingangs ausdrücklich als »evidente Wirklichkeit, . durch besonderes Erleben erfaßt« charakterisiert wurde, garnicht so schlimm gemeint war. Die Juden sind zwar ein besonderes Volk, aber sie stellen kein »dingliches Volk« dar, keine Nation, wo-- runter Strauß die »irdische Vollendung eines Volkes«, seine äußere Verkörperung in einem räumlichen Ganzen versteht, sondern im Gegenteil ein Volk in der Idee, ein »inneres« Volk, eine »irreale Wirklichkeit«, die durch keine »Realität« wie die Nation umschrieben werden kann. Daß sie trotzdem ein Volk sind, das beweisen sie einzig durch einen geistigen Trieb, den Trieb nämlich, vom Urer^ lebnis der Familie aus immer wieder Gott zu suchen, ,der Mensch^ heit »den Mythos vorzuleben«, kurz, eine Gotteswelt auf Erden zu begründen, an der alle Völker gleichmäßig teilnehmen sollen, und vorerst diesen Völkern den Weg zu solcher Gotteswelt durch ihr eigenes Beispiel zu zeigen. Der hoffnungsvolle Anlauf, den Strauß vom Ganzheitswesen zum Volksbegriff nahm, endet also bei dem gewöhnlichen kosmopolitischen Ideal jedes besseren Libe^ ralismus: die unleugbar vorhandenen recht verschiedenen Volks^ Individualitäten haben alle nur den einen Sinn, sich zu einer Mensch^ heitsgemeinschaft, einer »kosmischen Ganzheit«, wie er sich aus^ drückt, zusammenzuschließen. Die Nation bedeutet daher nach Strauß auf diesem Wege einen empfindlichen Rückschritt, da sie das zur Auflösung im Kosmos bestimmte besondere Volksdasein erst einmal gründlich zum Gerinnen bringt, und die Juden sind gerade deswegen dem Endziel immer um einige Längen näher, weil sie die nationale Hemmung bereits seit Beginn der Diaspora überwunden haben.

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