Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 1 (April 1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- – (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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Weitzmann, K. C.^Geist 65 immer noch in der glücklichen Lage, trotz monatelangem Aufenthalt an der russischen Front keine Juden erblickt zu haben, und wenn, wir einmal von Evakuationen lesen, so werden sie ganz allgemein auf »die arme Bevölkerung« bezogen. Immerhin stellt ein objektiver Betrachter in Libau tatsächlich die Anwesenheit von Juden fesV freilich mit der zweifelhaften Anerkennung, daß sie »weniger als. die russischen Juden mauschelten«,- er bedauert sie, weil sie »von der sympathischen deutschen Bevölkerung durch ihre eigenen völki^ sehen Anschauungen und die Ghettomanieren geschieden sind«, die er selbst, da er obendrein Professor ist, bekanntlich lange hinter sich hat. Man muß sich schon zufrieden geben, wenn ein Kolonnenführer aus einem jüdischen Städtchen nur scherzend die Jargonaufschriften an den Läden zitiert, ohne sein Volk ausdrücklich zu be^ schimpfen. Überhaupt jeder Zusammenhang wird aber in einem Verbindungsbericht geleugnet, der von Kurland behauptet, mit ihm verbänden »uns Ostpreußen jahrhundertalte Bande geistiger und wirtschaftlicher Natur«. Wüßte man nicht, daß der Verfasser Recht hat und daß wirklich seine Vorfahren in Kurland Handel trieben, man würde diese Art von Familienforschung, die sich das deutsche Blut nachträglich auch für vergangene Jahrhunderte injizieren will, vielleicht komisch finden. Aber hier fühlen wir uns einmal veranlaßt, unsere Beurteilung an der Umwelt zu orientieren ,- wir schämen uns bei dem Gedanken, ein ostpreußischer Rittergutsbesitzer könnte diese Zeilen zu Gesicht bekommen und den deutschen Juden Ghettomanieren nachsagen. Linter solchen Umständen wirkt es geradezu erlösend, daß doch noch jemand den Mut zu dem Ge^ ständnis findet, er habe sich polnischen Juden als Glaubensgenosse zu erkennen gegeben und sei von ihnen mit Mazze bewirtet worden. Lind nur an einer einzigen Stelle in diesen hunderten von Feld^ postbriefen vernehmen wir einen wirklichen jüdischen Herzenston, *wo sich »das Herz zusammenkrampfte, wenn wir von den unerhörten Leiden hörten, die unsere Stammes-und Glaubensgenossen zu erdulden hatten«. Solches Stammesbekenntnis kommt jedoch gegen die sonstigen Äußerungen jüdischen Selbstbewußtseins nicht auf, bei weitem die Vorhand erhalten jene Helden, die »als Juden noch mehr als ihre Pflicht« zu tun haben und im übrigen »unser deutsches Studentenideal« verteidigen müssen. * Die ganze Haltlosigkeit dieses Treibens zwischen Sein und Nichtsein zeigt sich aber erst, wenn ernsthafte Anstrengungen ge^ macht werden, um den K. C.-Standpunkt mit geistigen Mitteln zu begründen. Der Aufsatz von Eduard Strauß »Unsere nationale- Entscheidung« <MaUjuni 1915), der einzige, der über das Niveau der übrigen Brüdervereinsvorträge hinausreicht, versucht geschichts^ und religionsphilosophisch die Annahme einer jüdischen Nation überflüssig zu machen und trotzdem dem Judentum einen positiven Sinn zu geben — geleitet von dem richtigen Gefühl, daß so etwas dem Liberalismus nottut. Ich sehe hier ganz davon ab, die Origi-