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Der jüdische Wille · 1918-04-01 · Heft 1 (April 1918) · page 61

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 1 (April 1918)
Date
1918-04-01
Page
– (sequence 61)
Language
German
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K. J. V.-er-Feldbriefe . # 59 nis zur Not fieht man nur wenige Bettler. Doch wenn man von den belebten Straßen in die Hillen Viertel geht, fo erblickt man auf offener Straße Frauen und Kinder, die fich in Hungerkrämpfen winden und vor Schmerzen brüllen. Diefes Elend entwickelt fich deutlich in der Sterbeftatiftik. Im Frieden ftarben durchfchnittlich monatlich etwa 100 Leute, im Januar 1917 liefen beim Ober-Rabbiner 300 Anmeldungen zur Beerdigung ein, das ift die fünffache Sterbezahl der normalen Zeit. Für Wilna treffen die Schilderungen, die ein Warfchauer Arzt neulich in den Neuen Jüdifchen Monatsheften für Warfchau gab, in gefteigertem Maße zu. Ein hohes foziales Verftändnis haben die Wilnaer fchon durch ihre umfallende Selbfthilfe, fo vor allen Dingen durch die Volksküche bewiefen. Ein Lieblingskind des Armee-Rabbiners Dr. Levy ift eine jüdifche Landwirtfchaftsfchule in Wielicany. Durch* diefe Einrichtung find zwei ßedürfnifle zugleich befriedigt worden. Erftens find 65 Jungen dem jetzt fehr unerfreulichen Großftadtleben entrilTen und dann ein guter Schritt zur Überführung der Jugend zur Landwirtschaft getan. Die Jungen find in Uniform gekleidet mit Mögen Dovid und werden von einem deutfchen' Landwirtfchaftskommando in deutfcher Form erzogen. Im vertraulichen Gefpräch nach ihren Zukunftsplänen befragt, gaben die einen Palältina, die anderen Deutfchland, andere Amerika an. Dr. Levy gibt fich rührend Mühe um die Anftalt,- doch glaube ich nicht, daß fie im Frieden exiftenzfähig ilt, da ich ftark den Eindruck habe, als ob diefe Laufbahn von den meiften nur als aufgezwungene während des Krieges betrachtet wird, denn Hunger tut weh. Zum Schluß noch einige Worte über die moralifchen Verhältnifle. Man hört da oft die traurigften Schilderungen, doch gerade hier mußte ich mich fchämen, daß wir* Juden noch immer die erfundenen Märchen unferer Feinde für wahr halten und noch weiter kolportieren. Wohl liehen an der Hauptftraße etwa zwölf Jungen, die »Schöne Mädchen« offerieren, doch ift ein näheres Eingehen hierauf fehr informierend. Ich fragte nämlich, ob es ihre Schweiler wäre, worauf ich einftimmig die Antwort erhielt: Wenn ich fo eine Schweiler hätte/würde ich fie totfchlagen. Warum fie dann fo ständen : »Ich habe heute noch nichts gegeffen und erhalte für jeden * Soldaten 30 Pf.« Sonft ilt von auffälliger Proftitution nichts zu bemerken und auch das fogenannte Verhältniswefen hat nur fehr befchränkt um fich gegriffen. Daß fich jüdifche Mädchen bisweilen nach mehreren Tagen Hunger für einen Laib Brot hingeben, ist ein trauriges Zeichen, für die beteiligten Mädchen aber meines Erachtens keine Schande. 'Ff/tz Bodenßeimer Ließer Meinßofd, ich danke Dir fehr für Deinen Beficht vom K. J. V.-Tag ... ' Die Fragen der Friedensarbeit liegen überhaupt nicht im K. J. V., fondern find allgemein-jüdifche, aber wir K. J. V.-er müßten uns fchon lange damit befchäftigt haben. Ick wäre nun eigentlich verpflichtet, Dir als Dank einen Bericht über meine 'jüdifchen Eindrücke hier zu fchreiben. Aber ich habe hier bis jetzt fehr wenig gefehen und das auch noch lange nicht verdaut. Ein Beurteilen der Juden hier halte ich für logifch verkehrt. Die Leute haben ihre Vorzüge und ihre Fehler. Wir haben eben ein beftimmtes Material <zu dem wir felber natürlich auch gehören), und mit dem müflen wir arbeiten. Aber vorläufig fehlen dem Zionismus noch alle politifchen, d. h. wirtfchaftlichen Unterlagen. Der größte Fehler hier ift es, daß die jüdifche Solidarität da aufhört, wo das Wirtfchaftsleben anfängt. Hier ift, fcheint mir, vor allem Arbeit im fozialiftifch-genoflenfchaftlichen Sinne nötig. Die Forderungen, die anzuftreben find, find folgende, für Welten und Often: 1.) kulturell: Die Beeinfluflung in unferem Sinne muß mit dem neugeborenen Kinde beginnen. Wir brauchen jüdifche Fibeln und eine ausgebaute jüdifche Jugendliteratur, Wohnungsfürforge, hygienifche Aufklärung, Jugendorganifationen etc ,• 2.) wirtfchaftlich: Das ganze Wirtfchaftsleben eines jeden Juden muß ein jüdifches werden. Der jüdifche Krämer mtiß ein organifierter Händler werden. Ihm müflen z. B. feile Preife angewöhnt werden. Wir müflen eine Berufsverfchiebung energifch vorbereiten. Gefpartes Geld muß auf jüdifche Spar* kalTen und Banken getragen werden. Wir brauchen Konlumvereine, GenolTen-

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