Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 1 (April 1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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58 K. J.. V.*er*Feldbriefe hebräifch gefprochen, und es war nirgends zu erfehen, daß diefes dem Verftändnis der Kleinen irgendwelche Schwierigkeiten bereitet. Im Gegenteil, ich habe noch nie eif|p Kindergruppe gefehen, die mit fo viel Liebe und Aufmerkfamkeit ge* meinfamer Tätigkeit folgt. Das ift allerdings größtenteils auf die große Hingabe der jugendlichen Leiterin an ihren Beruf zurückzuführen, eine Hin-' gäbe, wie fie gleicher Weife das ge* famte Schulkollegium befeelt. Ich be* fuchte noch eine Reihe Klaffen,'in denen Rechnen, Geographie, Anfchauung und Grammatik unterrichtet wurde. Nirgend* wo konnte ich auch nur einen Anhalts* punkt dafür bemerken, daß die Sprache den Kindern unbekannt wäre. Die Lehrer klagten nur über den Mangel an hebräifchen Schulbüchern. Die wäh* rend des Krieges in Jaffa erfchienenen können fie fich felblt nicht beltellen, da fie nicht über die Grenze gelalfen würden. So überfetzen fie mit großer Mühe rulfifche und deutfche Lehrbücher und hektographieren die Übertragungen auf große Bogen zur Benutzung der Schülerinnen. Die Mädel machen durch* weg einen fauberen Eindruck. In An* betracht der miferablen Nahrungsmittel* verhältnilfe ift das Schulfpeifen einge* führt. In der großen Paufe erhalten die Kinder eine Talfe Tee oder Kakao, in der zweiten einen Topf Reis, Erbfen oder fonftiges. Da die Mittel hierzu rein privat aufgebracht werden müflen, ift die finanzielle Lage natürlich fchlecht. Augenblicklich zählt fie 3000.- Mark Defizit. Mit je 100 Mark monatlicher Unterftützung wäre ihr nach ihrer An* gäbe wohl aufgeholfen. Bei der un* geheuren Bedeutung des Linternehmens muß diefe Summe unter allen Um* Händen aufgebracht werden, zumal da fich die Kotten nach Kriegsende be* deutend vermindern. Zum Abfchied bildete man einen Chor aus verfchie* denen Klalfen, der ergreifend einfache hebräilche Volkslieder vortrug. Der Unterricht wird unentgeltlich erteilt. Die einlaufenden Anmeldungen können fchon lange mangels Platz nicht mehr berückfichtigt werden. In diefem Schul* fyftem lernen augenblicklich 300 Kinder. Soweit die Volksfchulen. Von hier begab ich mich in das fchon erwähnte Gymnafium. Es wird geleitet von Dr. Regensburg, der fechs Jahre lang am Pfyehiatrifchen Inltitut der Uni* verfität Gießen war.. Die abfolute^ felbftverftändttche Beherrfchung der Un* terrichtsfprache in den fchwierigen Dis* ziplinen der Mathematik und Phyfik und des Lateins befteht als fo felblt* verftändlich, daß fie garnicht mehr auf* fiel. Das Deklinieren und Konjugieren in den Vorbereitungsklalfen ift ganz analog dem entfprechenden Unterricht bei uns. Einer der Buben aus der oberften vierten Klafle fagte mir, daß die Jungen der ganzen Anftalt privat einen Verein gegründet hätten, deren Mitglieder unter fich wie zufammen nur Hebräifch fprechen dürfen. Die Eltern verbänden das alles und fprächen es teilweife fchon felbft. Sie haben fich auch aus eigenen Mitteln eine Bibliothek klalfifcher und wilfenlchaftlicher Autören angelegt. Augenblicklich befuchen etwa 200 Schüler die drei Vorbereitungs* und die vier Gymnafialklaflen. Materiell ift die Lage günftiger wie die der Volks* fchulen, da die Eltern Schulgeld be* zahlen. Nichtsdeltoweniger haben fie ein Defizit von 800 Mark. Sie brauchen während des Krieges monatlich 100 Mk. und find nach Beendigung desfelben finanziell völlig unabhängig. Auch hier machte fich derfelbe Mangel an Lehr* material bemerkbar, dem auf diefelbe primitive Weife abgeholfen wird. Es ift für jeden politifch Einfichtigen klar,, daß diefe Schulen den Krieg überdauern müflen. Man muß die Zioniftilfche Or* ganifation veranlaflen, dem Schulbücher* mangel abzuhelfen, indem sie den dortigen Schulen unentgeltlich einige Exemplare der bisher erfchienenen he^ bräifchen Schulbücher zultellen. Die Geldmittel müflen felbftverltändlich von privater Seite aufgebracht werden. III. Die affgemeinen VerßäftniJJe. Die Angaben diefes Kapitels Rammen, teils aus eigenen Beobachtungen, teils aus den Angaben des Armee*Rabbiners Dr. Levy und des Rechtsanwalts Dr. Rofenbaum. Die Juden bilden in Wilna etwa 44% der Bevölkerung. Ihre abiblute Zahl betrug im Frieden 120000, z.ur Zeit ungefähr 60-80000. Die Nah* rungsverhältniife find zur Zeit einfach grauenhaft. Alle Lebensmittel find un* erfchwinglich teuer (drei* bis viermal die Warfchauer Preife) und das Brot nur in befchränkter Menge vorhandea zu einem Preife, der es faft dem Reichen zum Luxusartikel macht. Im Verhält*^