Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 1 (April 1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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56 K.J.V.-er-Feldbriefe K. J. V.-er.FELDBRIEFE Wifnaer Brief. Vorgelter n mittag hatte ich ganz plötzlich die Gelegenheit, Wilna dienftlich zu befuchen. Ich will in den folgenden Zeilen verfuchen, alle Eindrücke zu fchildern und vor allem •die neuen Richtlinien zur praktifchen Arbeit aufzählen, die ich zu meinen gefamten jüdifchen Erfahrungen gewonnen. Das erfte, was mir in die Augen fiel, waren große Plakate »deutfch und jiddifch«, die einen Vortrag des Rechtsanwalts Dr, S. Rofenbaum ankündigten über die Gefchichte und das Studium des jüdifchen Rechts. In der Oftra- Brama-Straße wurde ich gegenüber dem Soldatenheim von mehreren anftändig gekleideten Juden angehalten, die mich baten, dort für fie etwas Brot zu beforgen. Das Brot ift nämlich in Wilna für die Zivilbevölkerung unerfchwinglich teuer,- 85 Pfg. für das ruflfifche Pfund. Welche Folgen das für die Zivilbevölkerung hat, werde ich noch weiter unten fchildern. In der Oftra Brama, •dem Ofttor felbft, befindet fich eine große griechifche Kirche, die bis auf die Straße mit knieenden Betern angefüllt war. Am Stadttheater vorbei gelangte ich jetzt ins eigentliche Judenviertel. Die Hauptgefchäftsfchilder find alle ruf* fifch, doch find überall auch kleinere Schilder in jüdifcher Sprache angebracht. Vor jedem Laden ftehen Leute, die in ruhiger Weife die Paflanten fragen, ob fie die oder die Waren billig brauchten. Rechts in der JudengalTe gelangt man vor die vier Jahrhunderte alte Synagoge, d. h. eigentlich find es 'zwei Synagogen, eine kleine für den Alltag und eine größere für die Feiertage. Als ich kam, wurde gerade »Minchah geort«. Ich kann nicht gerade behaupten, daß die Anweisenden viel andächtiger gewefen wären, als das bei uns für gewöhnlich der Fall ift. Sie bewegten zwar ihre Oberkörper fehr andächtig, aber fie ließen auch fleißig ihre Augen umgehen, um alles Wefentliche zu erfpähen. Etliche machten fogar während des Betens die bekannte Gelte mit der hohlen Hand. Die im Hintergrunde aufgehängten Memor-Rollen der letzten Tage wiefen eine fchreckliche Länge auf. Die einzelnen Ritual-Geräte waren alle alt und ■* von kunfthiftorifchem Wert/ doch fehlte mir die Gelegenheit, fie näher zu betrachten. Wieder auf der Straße, ftieß ich auf mehrere große hebräifche Buchhandlungen. Ich betrat die größte und fragte nach hebräifcher guter Literatur, da es mich interelTierte, was die Buchhändler, in diefem Falle vox populi, hier anbieten würden. Ich freute mich fehr, als man mir Bialik,Tfchernichowsky, Leib Gordon, Smolenski, Achad Haam nannte: einmal über deren klalTifche Popularität und dann weil ich mir endlich die länglt fehnfüchtig begehrten Werke der beiden erftgenannten Dichter erwerben konnte. Im nächlten Laden bemerkte ich einige primitive, jedoch fehr gefdimackvolle Lithographien der bekannten Werke unterer neu-jüdifchen Kunlt. Ich achtete befonders auf die vorhandenen Portraits: Tfchlenow, Mendeles, Herzl, Perez, Bialik. Daß unter jüdifches Geiltesleben fo modern national wäre, hatte ich mir in den kühnften Träumen nicht vorgeltellt. Überhaupt kann einer, der felbft nicht an Ort und Stelle gewefen ift, gar kein Urteil über das wirkliche Leben fällen. Das geben alle aufrichtigen Beobachter zu. Den letzten Laden befuchte ich, um einige Schulbücher der hebräifchen Volksfchule — eine hebräifche jüdifche Gefcfiiche, eine Fibel für den Anfchauungsunterricht im dritten Jahr, eine Anatomie und ein hebräifches Kinderliederbuch zu kaufen. Weiterhin erblickte ich in der Rotgießerftraße ein großes blau-weißes Schild Gymnasiaß ißriifi, jüdifches Gymnafium. Unwillkürlich lenkte ich meine Schritte dorthin und ftellte mich auf dem Gefchäftszimmer vor, wo ich als Sohn von Juftizrat Dr. Bodenheimer überaus freundlich empfangen und eingeladen wurde, dem nächften Unterricht am kommenden Vormittag beizuwohnen. Dort erwartete mich fchoiy der Leiter der hebräifchen Volksfchulen, um mich für den Abend zu der Zione-Zion und für den folgenden Vormittag zu einer Befichtigung der Volksfchulen einzuladen. Es fcheint mir am bellen, hier die chronologifche Reihenfolge zu verlalTen und fyftematifch die jüdifchen Inftitute zu befprechen. I. Zeire* Zioji. Die »Jünglinge Zions« bilden das Sammelbedien für die hebräifche nationale Jugend. Sie find nicht legalifiert und exiftieren unter dem Decknamen der chowewe ffat ewer. Als ihre Ziele bezeichnen fie 1. die Or-