Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1918-04-01 · Heft 1 (April 1918) · page 56

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 1 (April 1918)
Date
1918-04-01
Page
– (sequence 56)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/2827066-2827067-2827069--0058-2827155
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

54 Einzelheiten es keine vergebliche Mühe. Sie alle helfen irgendwie mit. Man kann das ruhig fagen, auch wenn man weiß, daß wir von diefer faturierten, in anderen Idealen erzogenen und uns in jedem Betracht fremden Judenheit letzthin für uns nichts zu erwarten haben. Das Heil wird uns nurvon den Jungen kommen, an deren Erziehung wir jetzt arbeiten. Wir haben abficht» lieh vermieden, ein großes Programm mit weiten Gefichtspunkten an die Spitze unfere; Erörterungen zu /teilen. Wir haben uns abfichtlich darauf befchränkt, nur die Motive, die zur Entftehung des Planes führten, und das bereits Ge» leiftete aufzuzeigen. Wir waren in Furcht, es könnte zwifchen den drei Morgen , Landes, den paar jüdifchen Familien, die es bebauen, und einem weit ausholenden Programm ein zu gro» ßer Zwiefpalt klaffen. Man muß zwar fchon zufrieden fein, wenn wenigftens etliche Händlerfeelen ihr Land beftellen und wenn wenigftens etliche jüdifche Kinder Verftändnis und Liebe für die Arbeit in freier Natur gewinnen. Aber man wird doch fagen dürfen, daß all dies nur als Anfang gedacht und daß •es nur. der erfte taftende Schritt ift, durch Befreiung vom Großftadtmilieu und Rückführung zu ländlichen Be» rufen und körperlicher Arbeit eine neue jüdifche Generation heraufzu» führen. Uns ilt garnichts daran ge» legen, die jüdifche Malle für unler na» tionales Programm zu gewinnen, aber alles daran, Tie von innen heraus zu erfalTen und durch Umgeftaltung ihrer feelifchen Struktur die MalTe zu fchaffen, die unter nationales Programm durchs führen kann und wird. Dies alles ift nur eine Vorbereitung auf Palältina. Und fie ift es auch für diejenigen, die niemals hingelangen werden. Denn noch ift unfere Mehrheit von dem neuen jüdifchen Gemeinweien, das wir jetzt fchaffen werden, durch vieles ge» trennt, was fchwerer zu überwinden ift, als der Raum. — r Nadja J//v7^DicRullin. Berlin 1917, 'S. Fifcher Verlag. In^mer wieder bannt uns der Anblick der großen ruffifchen Eruption, diefes mächtigen Elementar» ereignifles, das unfere mechanisierte Zeit erbeben läßt. Der liberale Bürger, der nicht auf vulkanifchem Boden lebt und auf den beruhigenden Fortfehritt der Technik bauen kann, fucht, bei genügender Diftanz für wifTenfchaftliche Analyfierung von Naturwundern ftets empfänglich, die Kräfte zu ergründen, die dort im Often die ruffifche Erde fo erzittern ließen, daß die im fiebern Geleife immer geradeausfaufende Dampfmafchine plötz» aus den Schienen fprang und in der Bö» fchung liegen blieb. Am letzten wird der Beobachter im Weiten an den An» teil denken, den die ruffifche Frau an der erftaunliehen Umwälzung hat. Dies Buch erzählt davon. Eine Ahnung geht uns auf von den unterirdifchen Feuer» ftrömen, die nach jahrelangem Brodeln den Boden zerrilTen und die Oberfläche mit glühender Lava verfengten. In lofe aneinander gefügten Charakterbildern dürfen wir die lange Reihe ftiller gütiger Märtyrerinnen fchauen, die lautlos neben den Männern mit höchfter ethifcher Kraft und heiligem Opfermut die übernommene Aufgabe erfüllten. Kraft, Feuer, Klar» heit, Reinheit, Anmut und Demut leuchten uns aus den Zügen diefer hoch» geftimmten Frauen des rätfelhaften Vol» kes, des grenzenlofen Reiches entgegen. Und unter ihnen wirkten und litten Töchter unleres Volkes, verehrungs» würdige jüdifche Frauen vdn hohem Geift, erfüllt von Liebe, heiligem Willen und Opfermut. Wofür kämpften, wo» für ftarben fie? Für die Befreiung Rußlands, für Befreiung der Menfchheit. Aber Nadja Strafler weift auch darauf hin, daß aus diefer Jugend heraus in Rußland der Paläftinagedanke erwuchs, daß diefe jungen jüdifchen Männer und Frauen in Rußland es waren, die der zioniftifchen Bewegung die Leidenfchaft und Inbrunft gaben, ohne die fie nicht hätte werden können. Traurig muß man feftftellen : Die deutfehen Jüdinnen wird das Buch nicht aufrütteln, nicht mitreißen. Deshalb fei ihnen gefagt: Das Buch ift kein Kunftwerk,- es gibt beflere Literatur. Sie würden bei der Lektüre durch unzulängliches Deutfch, Trivialitäten, ermüdende Aufzählungen geftört werden und die manchmal ein wenig naive und rührfelige Art der Dar» ftellung des Lebenswegs und Todesganges der Heldinnen nicht überfehen. Wellen Bruft aber ein Funke des Opfergeiftes durchglüht, der diefe Frauen zur Tat trieb, wem Geift und Seele die Betrieb» famkeit unferer Zeit nicht völlig ver» fchüttet hat, der lefe das Buch. Harry Epftein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.